15. DEZEMBER 2017

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Innovativ aus Begeisterung


Dirk Görlitzer. Die Geschichte des Unternehmens Phoenix Contact ist eine beispielhafte Erfolgsstory. g+h sprach mit dem Geschäftsbereichsleiter Industrielle Verbindungstechnik über die Hintergründe des Erfolgs.

Wofür steht der Name Phoenix Contact?
Der Name ist dem legendären Vogel der antiken Mystik entlehnt und steht symbolisch für das unternehmerische Selbstverständnis, seine Innovationskraft und die auf langfristigen Erfolg ausgerichtete Strategie.

Könnten Sie uns kurz die wesentlichen Eckpunkte in der Geschichte von Phoenix Contact skizzieren?
Die erste große Zäsur war im Jahr 1977 der Aufbau des Elektronik-Sektors, ohne dabei die unternehmerischen Wurzeln in der Verbindungstechnik aufzugeben. Den zweiten signifikanten Wendepunkt markiert die Internationalisierung des Unternehmens in den Achtzigerjahren. Phoenix Contact stieg so zum Global Player auf, ohne seine mittelständische Seele und Stärke zu verlieren. Das war eine große Herausforderung.

Ein kaum zu unterschätzender Themenkomplex ist bei allen Unternehmen die Nachfolgeregelung. Wie stellen sich heute die Besitzverhältnisse bei Phoenix Contact dar und wie steht es um den langfristigen Fortbestand des Unternehmens?
Nach wie vor ist Phoenix Contact ein Familienunternehmen. Es ist ein eigentümergeführtes Haus und wird es auch in Zukunft bleiben, so dass der Fortbestand des Unternehmens sichergestellt ist. Dazu trägt auch die Tatsache bei, dass sich das Unternehmen ohne Fremdkapital finanziert. Phoenix Contact setzt auf organisches Wachstum und würde niemals Wachstumsschübe über Kredite finanzieren.

Wenn man die Entwicklung des Unternehmens Revue passieren lässt, dann bleibt der Eindruck eines überdurchschnittlich erfolgreichen Unternehmens haften. Welches sind die Gründe für diesen Erfolg?
Was uns maßgeblich von anderen unterscheidet, ist die skizzierte Internationalisierung, die uns von wirtschaftlichen Schwankungen unabhängiger gemacht hat. Motor des Erfolgs sind neben der Synthese zwischen Elektronik und Mechanik auf der Produktseite, unsere außerordentliche Innovationskraft und kurze Entscheidungswege auf allen Ebenen. Das ist Unternehmensphilosophie. Bei Phoenix Contact werden die verbrieften Leitlinien als gelebte Wertekultur verstanden. Das ist unsere DNA. „Innovative Lösungen, die begeistern“, heißt es dort unter anderem. Das Wort ‚begeistern’ möchte ich gern unterstreichen; wer hat schon einen so emotionalen Begriff in seiner Mission?

Manche unserer europäischen Nachbarn wundern sich, dass Deutschland immer noch Exportweltmeister ist, obwohl der Standort aus ihrer Sicht höchst unattraktiv erscheint; können Sie dem zustimmen?
Wir erzielen heute immer noch mehr als 75 Prozent unserer Wertschöpfung in Deutschland. In Zeiten des Booms - wie im Augenblick - ist die Verfügbarkeit von Produkten der Schlüssel zum Erfolg. Wenn sie ihre Produktion ins Ausland verlagert haben, werden sie rasch merken, dass Schiffe lange auf See unterwegs sein können und Transporte mit dem Flugzeug nicht unbedingt preiswert sind. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Strategie, 75 Prozent der Wertschöpfung in Deutschland zu erzielen, richtig ist. Selbstverständlich stellen wir uns auch der Herausforderung, die Produktion für verschiedene Märkte im jeweiligen Land zu positionieren. Das ist elementarer Bestandteil der jeweiligen Marktbearbeitung.

In welchen Ländern liegen im Augenblick die Produktionsschwerpunkte?
China, Brasilien und Indien sind heute wesentliche Märkte für uns. Um glaubwürdig dort arbeiten zu können, gehört dort auch eine eigene Produktion dazu. Reine Vertriebsniederlassungen würden aufgrund der Rahmenbedingungen nicht zum Erfolg führen. Aber wir investieren nach wie vor auch weiter in Deutschland. So wird gerade in Lüdenscheid eine große Produktionsstätte von 14.000 m² errichtet, ebenso investieren wir weiter am Stammsitz in Blomberg. Und für die Elektronikfertigung in Bad Pyrmont sind ebenfalls weitere Ausbaustufen geplant. Deutschland ist für uns durchaus ein attraktiver Standort.

Welches sind die am stärksten wachsenden Märkte für Ihr Unternehmen?
Brasilien, China, Indien und Russland sind sehr stark wachsende Regionen. Aber auch die europäischen Märkte blühen wieder auf. Wir erleben eine ökonomische Renaissance Europas. Die Geschäfte entwickeln sich auch hier ausgesprochen gut.

Ist in China heute überhaupt ein Marktzugang möglich, ohne dort auch über eine eigene Produktion zu verfügen?
China muss man ganzheitlich betrachten. Die Zugeständnisse an die Kultur, an die Menschen sind wichtig. Die Chinesen möchten die Gewissheit, dass die dort investierenden Unternehmen ein langfristiges Interesse bei ihrem Engagement verfolgen. Nachhaltiger Erfolg lässt sich dort sicherlich nur so gewährleisten.

Mit China assoziieren viele Produktpiraterie. Man möchte sich das Know-how anderer Industrieländer ins Land holen, um dann selbst die Geschäfte zu machen. Stimmt das so?
Sicher, auch wir haben in China gegen Produktpiraterie zu kämpfen. Aber wir bedienen uns dabei aller juristischen Möglichkeiten, um illegale Kopien zu verhindern. Wir haben schon auf der Electronica in München Exempel statuieren lassen, umdreiste Plagiate zu stoppen. Am Ende wird es aber immer eine Frage der Innovationskraft bleiben - ein Rennen wie beim Hasen und dem Igel eben. Je innovativer wir sind, desto schwieriger wird es sein, uns erfolgreich zu kopieren.

Phoenix Contact verfügt über eine ungewöhnlich hohe Fertigungstiefe - war Outsourcing nie ein Thema in Ihrem Haus?
Die Fertigungstiefe ist aus der Mittelstandsstruktur erwachsen. Die Großen gliedern aus, und wir möchten alle elementaren Kernkompetenzen selbst beherrschen, denn die Innovation entsteht häufig aus den Prozessen heraus. Als wir eine Schnellanschlusstechnik entwickelten, bei der ein Leiter verdrahtet werden kann, ohne ihn abzuisolieren, kam der Durchbruch aus der Produktion, weil hier das Know-how für die Metallverarbeitung lag. Mit der hohen Fertigungstiefe sind wir aber auch flexibel und schnell. Unseren Kunden können wir nur so in kürzester Zeit Modifikationen oder Sonderanfertigungen anbieten.

Wo wird bei Phoenix Contact entwickelt?
Reihenklemmen entwickeln wir zum größten Teil in Deutschland. Zwei weitere Entwicklungszentren gibt es in Nanjing (China) und in Harrisburg, USA. Dort werden auch elektromechanische Produkte entwickelt, um auf die unterschiedlichen Marktgegebenheiten eingehen zu können. Produkte wie unseren neuen Drucker entwickeln wir mit Entwicklungspartnern, wobei die Spezifikation, die Freigaben und die Patentrechte zu 100 Prozent bei Phoenix Contact liegen. Das ist wichtig für uns.

Sie sind Leiter der Geschäfteeinheit Industrielle Verbindungstechnik, was verbirgt sich dahinter exakt? Und welche Lösungen bieten Sie Ihren Kunden?
In der industriellen Verbindungstechnik kümmern wir uns primär um die klassischen Verbindungsprodukte im Schaltschrank. Darüber hinaus stehen bei uns Werkzeuge, Markierung und Software im Fokus. Wir möchten unseren Kunden ganzheitliche Lösungen bieten.

Wo liegen aus Ihrer Sicht in der Verbindungstechnik heute noch die größten Entwicklungspotenziale?
Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Wir haben in den letzten Jahren eine komplett neue Reihenklemmengeneration vorgestellt: Clipline Complete. Damit sind wir in diesem Bereich ein Vollsortimenter, der alle weltweit vorhandenen Anschlusstechniken beherrscht. Der Kunde soll sich aus einem Baukastensystem die passenden Lösungen heraussuchen können. Daraus resultieren außerordentlich große Vorteile für die Logistik.

Welche Neuheiten wird Ihr Unternehmen auf der Hannover Messe zeigen?
Dort werden wir unter anderem einen innovativen Drucker vorstellen. Auch dieser zählt zu den von Ihnen erfragten Innovationen innerhalb der Verbindungstechnik. Es handelt sich dabei aber nicht nur um einen einfachen Drucker, sondern ein komplettes Beschriftungssystem. Wir möchten unseren Kunden zeigen, wie leicht das Markieren sein kann. Marking System, so der Produktname, ist eine Markierungs-Lösung von der Projektierung bis zur Verarbeitung in der Werkstatt. Sie soll mit dazu beitragen, Fehler im Arbeitsprozess zu minimieren. Durch die Software wird eine Schnittstelle zwischen Projektierung und Werkstatt geschaffen. Eigene Drucksysteme und verschiedene standardisierte Markierungsmaterialien runden das System ab. So kann ein Kunde für einen Schaltschrank verschiedenste Materialien nutzen. Er legt die unterschiedlichen Materialien in den neuen Drucker, und auf Knopfdruck stehen alle Kennzeichnungen für einen Schaltschrank zur Verfügung. Darüber hinaus werden natürlich alle Geschäftseinheiten unseres Unternehmens interessante Neuheiten vorstellen.

Ist der Markt angesichts der immer rascher vorgestellten Innovationen und Innovationszyklen überhaupt noch hinreichend aufnahmefähig dafür?
Jede Innovation muss einfach sein und sie muss einen echten Mehrwert besitzen. Wenn eine Neuheit einen Mehrwert hat und es gelingt, diesen seinen Kunden verständlich zu machen, dann finden Innovationen schnell ihren Weg. Dennoch werden - gerade bahnbrechende - Innovationen nicht immer sofort vom Markt aufgenommen. Das war übrigens auch bei der Schnellanschlusstechnik so. Viele potenzielle Anwender wollen erst einmal von der Zuverlässigkeit durch Referenzkunden überzeugt werden. Der klar erkennbare Nutzen hat aber dann doch den Durchbruch für diese Technik gebracht.

Wenn Sie sich in die Rolle Ihrer Kunden versetzen, ist Phoenix Contact dann für Sie eine Marke? Und - wenn Sie Marke definieren, was verknüpfen Sie mit ihr?
Zum ersten Teil Ihrer Frage: Ja, ganz sicher. Phoenix Contact ist eine Marke. Phoenix Contact hat einen Stil, der aus meiner Sicht nicht ohne Weiteres kopierbar ist. Unsere Kunden wissen dies. Marke ist für uns ein gelebtes Miteinander auf der Basis identischer Werte; immer mit dem Blick auf den Gesamtmarkt sowie die Bedürfnisse und Ansprüche unserer Kunden.

Herr Görlitzer, wir bedanken uns für das Gespräch.


KURZPORTRAITDas Unternehmen
Phoenix Contact GmbH & Co. KG ist ein weltweiter Marktführer elektrischer Verbindungs-, elektronischer Interface- und industrieller Automatisierungstechnik. Anfang der 20er-Jahre in Essen gegründet, beschäftigt das Unternehmen heute rund 8.400 Mitarbeiter weltweit, davon sind mehr als 3.600 am Hauptsitz im ostwestfälischen Blomberg tätig. Zur Phoenix Contact-Gruppe gehören die Gesellschaften Phoenix Contact Electronics, Bad Pyrmont, zur Fertigung von elektronischen Baugruppen in SMT-Technologie, Phoenix Feinbau, Lüdenscheid, zur Fertigung von Stanz- und Biegteilen sowie der Steckverbinder-Spezialist Coninvers, Herrenberg und KW-Software, Lemgo.

Ausgabe:
g+h 02/2007
Unternehmen:
2 Unternehmens-Videos:
  • Phoenix Contact..
  • Axioline Realti..

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