15. DEZEMBER 2017

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Erfolg ist harte Arbeit


OBO. 60 Jahre und kein bisschen Weise, sang einst Curd Jürgens. Auf Ulrich Bettermann, der am 14. Oktober seinen 60. Geburtstag feierte, trifft dies sicherlich nicht zu. Ein Rückblick.

Herr Bettermann, Sie sind ein Jahr nach Kriegsende geboren. Welche Erinnerungen sind Ihnen aus dieser Zeit präsent?
Sie sagen, dass ich nach dem Krieg geboren bin. Das ist richtig. Dennoch hat die Nachkriegszeit bleibende Eindrücke hinterlassen und mich geprägt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war unser Haus, das drei Familien bewohnten, von amerikanischen Soldaten besetzt worden, und unsere Familie fand in barackenähnlichen Unterkünften ein ausgesprochen provisorisches Heim. So spärlich wie dort ging es später auch in der Schule zu, denn das Papier war knapp und Hausaufgaben wurden zum Teil auf Zeitungspapier erledigt, während in der Schule die Schiefertafel zum Einsatz kam. Nach der Grundschule wechselte ich dann von Menden auf das Graf-Engelbert-Gymnasium in Bochum. So bekam ich bereits früh die Möglichkeit, über den sauerländischen Tellerrand hinaus zu schauen. Zunächst wohnte ich bei meiner Tante und deren Mann, der Schulrat war. Als dieser versetzt wurde, bezog ich im Alter von fünfzehn Jahren ein Zimmer zur Untermiete. Ich war also relativ früh auf mich allein gestellt; eine für mein späteres Leben ausgesprochen wichtige Erfahrung.

Sie lebten aber bereits damals in einer Unternehmerfamilie. Wie haben Sie den Familienbetrieb während ihrer Jugend erfahren?
An den Wochenenden war ich daheim. Dann ging es am Sonntag mit dem Vater zur Kirche und anschließend zur Post - damals konnte man sonntags noch Briefe und Pakete abholen. Gemeinsam lasen wir die Korrespondenz, sodass ich das Unternehmen zunächst von der Verwaltungsseite her kennen lernte.

Wollten Sie von Anfang an in das Unternehmen einsteigen?
Das war für mich nie ein Thema. Ich fand unser Unternehmen faszinierend und wollte bereits als Kind meinem Vater folgen. Bis heute habe ich diesen Entschluss nie bereut, auch wenn es in jenen Jahren sehr viele Verwerfungen gegeben hat.

Welche waren das?
Mein Vater war nicht alleiniger Gesellschafter. Zum Unternehmen gehörten seine beiden Brüder, von denen einer recht früh verstarb. Dann entwickelten sich die Familien sehr konträr. Bereits Anfang der Siebzigerjahre beunruhigte mich die Verschlechterung des Klimas zwischen den Familienstämmen, sodass ich beide Mitgesellschafter Ende der Siebzigerjahre auszahlte. Da mein Vater gesundheitlich sehr angeschlagen war, hatte er mir bereits 1966 unternehmerische Verantwortung übertragen. Mit 22 Jahren stand ich dann an der Spitze des Unternehmens - und opferte einen Großteil meiner Jugend für seine Entwicklung.

Spürten Sie jemals die Angst, in dieser Position zu scheitern?
Sicher hat es diese Angst gegeben. Die Auszahlung der Gesellschafter und unternehmerische Risiken bargen immer auch das Risiko des Scheiterns in sich. Und als ich die Familien ausgezahlt hatte - ich war 36 und haftete bis zum letzten Hosenknopf - gab es natürlich auch Ängste.

Ihnen ist gelungen, was immer weniger Unternehmen gelingt. OBO wird in der vierten Generation von Familienmitgliedern geführt. Was haben Sie anders gemacht?
Lassen wir einmal familiäre Aspekte außen vor, dann spielt der soziale Gedanke eine wichtige Rolle. Ich habe immer versucht auch dem „kleinsten“ Hilfsarbeiter zu vermitteln, dass er kein Hilfsarbeiter, sondern ein wichtiges und unverzichtbares Mitglied des Unternehmens ist. Das hat dazu geführt, dass - hoffentlich - jeder Mitarbeiter heute sagen kann: OBO - das ist mein Unternehmen. Die OBO-Mitarbeiter sollen eine Familie sein. Und ich habe stets ein offenes Ohr für ihre Probleme gehabt. So kam es dazu, dass sie für mich und auch für meine Söhne durchs Feuer gehen.

Hat Ihre Biographie mit dazu beigetragen, dass Sie Ihre Verantwortung so früh an Ihre Söhne abgegeben haben?
Ja, sicherlich. Und ich habe es nie bereut. Mein Sohn Thomas hat schon im Alter von 20 Jahren Verantwortung im Schweizer Werk übernommen und Andreas nach Beendigung seines Studiums mit 24 im Stammhaus Menden.

Wie groß ist der Einfluss des Patriarchen heute noch?
Meine Söhne arbeiten völlig autark. Die Übernahme Ackermanns beispielsweise wurde durch Andreas vollzogen, ohne dass ich überhaupt einmal das Werk gesehen habe.

Im Gegensatz zu vielen Unternehmen der Branche haben Sie OBO recht früh international aufgestellt. Warum?
Wahrscheinlich habe ich früher als andere erkannt, dass wir in Deutschland zu Preisen auf Weltmarktniveau produzieren müssen, um langfristig zu überleben. Einige namhafte Unternehmen, die das nicht realisiert haben, gibt es heute nicht mehr.

Sind Sie je mit „Heuschrecken“ konfrontiert worden?
In der Anfangsphase gab es zahlreiche Versuche, uns zu schlucken. Und es gab interessante Offerten, die in eine Größenordnung gingen, bei der einige schwach geworden wären. Aber das war nie ein Thema für mich.

Und heute?
Auch heute fragen „Heuschrecken“ mit zum Teil exorbitanten Angeboten bei uns nach. Doch was passiert dann mit einem Unternehmen? Es wird ausgesaugt, bis die Kredite so groß werden wie der Umsatz. Das ist nicht unsere Philosophie und wird es auch in Zukunft nicht sein. Wir fühlen uns als Familienunternehmen gegenüber Konzernen gut gerüstet.

Welche Veränderungen sind notwendig, um in Deutschland den Aufschwung einzuleiten?
Wir müssen wieder mehr arbeiten - vielleicht 40, 42 oder auch 44 Stunden. Dabei darf den Menschen nicht finanziell in die Tasche gegriffen werden, denn um die Konjunktur anzukurbeln muss natürlich auch die Kaufkraft vorhanden sein. Das erreichen wir aber angesichts der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen nur über mehr Arbeit und einen höheren Automatisierungsgrad. In diesem Zusammenhang müsste auch die Staatsquote deutlich gesenkt werden. Wenn der Staat seinen Bürgern immer mehr Geld aus der Tasche zieht, bleibt zu wenig oder gar nichts mehr für Investitionen.

Faktisch ist der Staat pleite. Müssten unsere Politiker nicht, wie in Ungarn vorgeführt, offen bekennen, die Bürger in den letzten beiden Jahrzehnten systematisch belogen zu haben?
Wir haben zu wenig Menschen in Arbeit und zu viele Zuschauer. Das ist das zentrale Problem. Und in der Tat wird die Wahrheit nicht auf den Tisch gebracht. In Ungarn wurde mehr Ehrlichkeit eingefordert, in Deutschland wagt das niemand. Wenn hier nicht rasch gehandelt wird, kann eines Tages die politische Lage so destabilisiert werden, dass wir in eine gefährliche Lage geraten. Die Schieflage erkennt mittlerweile jeder. Da werden Manager mit einem goldenen Handschlag verabschiedet, die katastrophale Fehler gemacht haben (im Mittelstand unvorstellbar). Das alles betrachte ich mit großer Sorge.

Die Große Koalition ist seit einem Jahr im Amt. Welche Note würden Sie Ihr geben?
Ich bin parteipolitisch unabhängig. Doch, um auf Ihre Frage zu antworten, politische Beschlüsse von großer Tragweite habe ich bislang nicht ausmachen können. Die wirklich drängenden Probleme werden ausgeklammert. Frau Merkel hat die politisch intelligenten Köpfe weitgehend „weggebissen“ und die Macht auf sich vereint. Das Ergebnis ist weitgehende Lethargie. Ich glaube es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Frau wieder verschwindet. Insgesamt ergibt sich für mich ein desolates Ergebnis nach dem ersten Jahr Großer Koalition.

Weltwirtschaftlich schwindet die Rolle Deutschlands zunehmend. Wenn ich einen Blick auf China werfe, das mit den USA bereits im Handelskrieg steht, gibt es da nicht Grund zur Sorge? Auch vor dem Hintergrund, dass es sich bei China um eine der größten Diktaturen handelt, die es mit Patentrechten so wenig genau nimmt wie mit den Menschenrechten?
Sie haben Recht, die Entwicklung ist dramatisch. Die USA beispielsweise haben noch gar nicht bemerkt, dass sie wirtschaftlich von China eingeholt werden. Zurückfallen werden sie auch gegenüber Indien. Wir stehen vor der Herausforderung, uns mit diesen Ländern messen zu müssen. Wir selbst haben übrigens keine Produktion in China. Was die Patent- und Urheberrechte betrifft, sind die EU und die WTO gefragt, massiv gegen die dreisten Nachbauten aus China vorzugehen.

Lassen Sie uns einen kleinen Schwenk auf den Menschen Ulrich Betterman machen. Sie stehen mit Politikern und Prominenten auf der Bühne. Haben Sie jemals Neid verspürt?
Neid ist sicherlich bei denjenigen zu spüren, die mich nicht persönlich kennen. Nach einem ersten Zusammentreffen schwindet das latent vorhandene Neidgefühl aber meist rasch. In der Öffentlichkeit wird man häufig in einer Form dargestellt, die diametral der eigenen Persönlichkeit entgegengesetzt ist. Als ich 1993 das Mendener Forum, auf dem u. a. Michael Gorbatschow unser Gast war, veranstaltete, spürte ich ganz offen den Neid. Das kann man nicht verhindern.

Ist es angesichts Ihres Erfolgs nicht schwer, wirkliche Freunde zu finden?
Damit sprechen Sie ein mir sehr wichtiges Thema an. Man hat im Leben nicht viele wirkliche Freunde. Wenn ich mir die Frage stelle, wer mir zu Seite stünde, wenn es mir schlecht ginge, dann reduziert sich der relevante Personenkreis sehr rasch. Auf Menschen, die sich durch meine die Bekanntschaft Vorteile verschaffen möchten, reagiere ich ausgesprochen sensibel.

Was fällt Ihnen bei folgenden Worten spontan ein: Mehrwertsteuererhöhung...?
Falsch, weil sich derselbe Effekt durch gezielte Einsparmaßnahmen ebenfalls erreichen ließe, ohne dem Markt Kaufkraft zu entziehen.

Angela Merkel?
Ich würde mich freuen, wenn die Bundesrepublik mit oder ohne Angela Merkel wieder auf einen Spitzenplatz in der Weltwirtschaft käme. Große Zweifel hege ich allerdings, ob Frau Merkel die Richtige ist, das marode Schiff Deutschland wieder auf einen Erfolgskurs zu bringen.

Familie?
Sie ist für mich Mittelpunkt meines Lebens. Sorgen, Krankheiten oder Unfälle in der Familie belasten mich außerordentlich.

Ihre Kinder?
Ich hoffe, dass sie sich mir gegenüber im Alter genauso verhalten, wie ich es gegenüber meinen Eltern getan habe.

Freunde?
Die Pflege von Freundschaften ist mir sehr wichtig. Ich habe zwei, drei enge Freunde, mit denen ich alles teile.

Freizeit?
Die Freizeit wird immer größer. Ich spiele gern Tennis, gehe zur Jagd und schwimme gern.

Autos?
Autos interessieren mich. Im Mai letzten Jahres habe ich mir mein Traumauto gekauft, einen Bentley Continental GT.

Fliegen?
Fliegen hat mich immer schon fasziniert. Solange ich gesund bin, werde ich im Cockpit sitzen.

Geld?
Geld spielt für mich keine Rolle. Menschen, die mit Geld um sich werfen, mag ich nicht. Geld ist wichtig, wenn es um soziales Engagement geht. Deshalb habe ich anlässlich meines 60 Geburtstages darum gebeten, anstelle von Geburtstagsgeschenken lieber etwas Geld an das von mir mit initiierte Behindertenheim in Menden zu spenden. Meine Kinder habe ich übrigens stets dazu angehalten, einmal darüber nachzudenken, woher das Geld kommt und wie schwer es der Vater einmal hatte.

Tod?
Als ich letzte Woche mit meiner Schwester am Grab meiner Eltern stand, haben wir geschaut, ob daneben für uns noch ein Platz frei wäre. Der Gang zum Friedhof bedeutet mir viel. Auf dem Grab meiner Eltern brennt immer ein Licht. Diese Zuwendung wünsche ich mir von meinen Kindern.

Vielen Dank für das Gespräch.

HINTERGRUNDGenerationenwechsel
Seit Jahren schon führen Andreas Bettermann (31) und Thomas Bettermann (23) zusammen mit Markus Arens (42) in der Unternehmensleitung das operative OBO-Geschäft. Ulrich Bettermann kümmert sich als Vorsitzender des Beraterkreises mit juristischem und wirtschaftlichem Sachverstand um die strategische Linie.

Ausgabe:
g+h 06/2006
Unternehmen:
3 Unternehmens-Videos:
  • Firmengeschicht..
  • Anwendung Adapt..
  • Aquasit - die w..
2 Unternehmens-Kataloge:

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