13. DEZEMBER 2017

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Den Markt im Fokus


Nibe Im Jahr 2000 beschäftigte Nibe 1.900 Mitarbeiter in sieben Ländern, heute sind es 5.400 in fünfzehn Staaten. Auch in Deutschland expandiert der schwedische Wärmetechnik-Spezialist kontinuierlich. g+h sprach mit dem Geschäftsführer über die Zukunftsperspektiven der Wärmepumpe.

Herr Schmidt, seit wann ist das Unternehmen Nibe in Deutschland aktiv?
In Deutschland fiel der Startschuss für Nibe Mitte der Neunzigerjahre, als der Inhaber der Heise Systemtechnik Nibe-Wärmepumpen in sein Vertriebsprogramm aufnahm. Er hatte bereits frühzeitig die Chancen dieses Geschäftszweiges erkannt. 2001 schließlich verkaufte er seinen Betrieb an Nibe. Daraus ging die Nibe Systemtechnik GmbH hervor.

Und wann kamen Sie in das Unternehmen?
Ich stieß im Juni 2004 hinzu und bin seit dem 1. Januar 2005 verantwortlicher Geschäftsführer.
Wie hat sich eigentlich die Mitarbeiterzahl seitdem entwickelt?
Als ich kam, waren wir etwa 14 Mitarbeiter. In dieser Zeit zog der Gesamtmarkt deutlich an und wir konnten an der positiven Marktentwicklung überproportional teilhaben. Im Zuge des Marktwachstums stieg unsere Mitarbeiterzahl auf heute 65.

War die Marktentwicklung vorherzusehen?
Eine diffuse Erwartungshaltung war sicherlich schon vorhanden, wenn auch niemand mit einem dreistelligen Wachstum rechnete, wie es später tatsächlich zu verzeichnen war. Nibe hat aber allein aus seiner Unternehmensgeschichte heraus immer eine positive Markteinschätzung gehabt.

Worauf beruhte dieser Optimismus?
Er resultiert aus den Erfahrungen auf dem schwedischen Markt, denn dort ist das Thema Wärmepumpe schon fast 40 Jahre lang präsent. Aufgrund ihrer landestypischen Struktur, was die Geologie, die Bevölkerungsdichte und den Energiemix (Wasser, Atom, Wind und Strom) betrifft, haben die Schweden schon recht bald begonnen, ein Gebäude ganzheitlich zu betrachten und attraktive Alternativen zu den klassischen Arten der Gebäudebeheizung zu suchen.

Was verbirgt sich hinter der von Ihnen zitierten ganzheitlichen Betrachtungsweise eines Gebäudes?
Die Schweden haben frühzeitig erkannt, dass man in einem Haus nicht nur eine Heizung und eine Warmwasserbereitung benötigt, sondern auch eine kontrollierte Wohnraumlüftung und eine Wärmerückgewinnung. So wurden dort schon vor mehr als dreißig Jahren Abluftwärmepumpen hergestellt, deren Stellenwert in Deutschland noch verschwindend gering ist. Bei den Schweden ist dieses Produkt hunderttausendfach positioniert. Um Ihnen das zu verdeutlichen: Während wir in Deutschland fast ausschließlich von einer Erst- bzw. Neuinstallation sprechen, wird in Schweden ein Austauschgeschäft betrieben, denn die Geräte sind oft mehrere Jahrzehnte alt. Skandinavien ist übrigens der größte zusammenhängende Wärmepumpenmarkt in Europa, daran können auch die positiven Zahlen in der Schweiz oder in Österreich nichts ändern.

Welches waren die Gründe für das außerordentliche Wachstum des Wärmepumpenmarktes in den Jahren 2004 und 2005?
Letztlich ist der Markt in vielerlei Hinsicht stimuliert worden. Seit den Energiekrisen in den Siebzigerjahren wurden Gebäude immer energieeffizienter. Hinzu kam die Energieeinsparverordnung, die dazu führte, dass die Energiebilanz noch einmal verbessert wurde. Vom Gesetzgeber kam also ein wesentlicher Impuls für alle am Bau beteiligten Parteien, Konzepte zu entwickeln, die den Energieverbrauch in Gebäuden reduzieren. Flankiert wurde und wird das Thema durch die Klimadiskussion.
Mit immer dichter werdenden Gebäudehüllen, wurden bestehende Systeme zur Disposition gestellt. Heute geht es um die bereits erwähnte ganzheitliche Betrachtung eines Gebäudes, die Heizung und Lüftung in einem System vereint. Das hat man in Schweden schon vor langer Zeit erkannt.

Halten Sie Lüftungsanlagen in modernen Gebäuden für unerlässlich?
Im Neubau sind sie angesichts der dichten Gebäude hüllen unerlässlich. Aber auch im Bestand haben wir einen großen Anteil an Gebäuden, die innen einen zu hohen Luftfeuchtigkeitsgrad aufweisen. Umweltmediziner haben bereits Alarm geschlagen, denn der sich durch zu hohe Feuchtigkeit in den Räumen bildende Schimmel stellt ein enormes Gesundheitsrisiko für die Bewohner dar. Übrigens ist die Anzahl der an Asthma erkrankten Jugendlichen zurzeit so hoch wie nie zuvor.

Hier ist doch die Beratungskompetenz des Handwerks gefragt?
Ganz sicher. Wer im Heizungsbereich aktiv ist, muss den Bauherrn aufklären und beraten, damit dieser zum Schutz der Gebäudesubstanz und zum Werterhalt die leistungsfähigste Gebäudesystemtechnik kauft und einsetzt, die seinem Komfortanspruch genügt! Neben Wert erhalt geht es aber auch um das sensible Thema Gesundheit.

Findet diese Beratung in der Praxis statt?
Nicht immer. In der Vergangenheit verliefen Beratungsgespräche viel zu technisch, sodass auch manche Handwerker lieber auf gewohnte Heizungsarten zurückgriffen, um dem Bauherrn nicht ein bislang unbekanntes System erklären zu müssen. Das hat sich jetzt gravierend geändert, denn die Kostensteigerungen bei Lebensmitteln, bei Wasser, Gas und Öl lassen die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen der Haushalte schrumpfen. Die Bereitschaft, sich mit kostengünstigen Heizungsarten zu beschäftigen, ist rapide gestiegen. Ängste, ob die Versorgung mit Öl und Gas aufgrund politischer Entwicklungen überhaupt noch sicher ist, leisten einen weiteren Beitrag, nach neuen Lösungen zu suchen.

Und eine der Lösungen ist die Wärmpumpe?
Ja, ganz sicher. Mit diesem Produkt können wir zukunftssicher Wärme erzeugen und gleichzeitig Kohlendioxid einsparen, denn am Einsatzort arbeitet sie emissionsfrei. Hier haben wir lediglich zu berücksichtigen, mit welcher Quote die Antriebsenergie, also der elektrische Strom erzeugt wird. Durch den steigenden Anteil von Windkraft oder Photovoltaik wird der Strom immer „grüner“. Damit präsentieren sich die Wärmepumpen in der Ökobilanz noch positiver.

Wenn Sie die Entwicklung von 2004 an betrachten, welche Techniktrends gibt es?
Ein deutlich zu erkennender Trend in Deutschland ist der Einsatz von Erdreichwärmepumpen, weil diese durch eine höhere Leistungszahl im Vergleich zur Luft-Wasser- Wärmepumpe überzeugen.
Eine Erdreichwärmepumpe hat über das ganze Jahr hinweg eine durchschnittlich gleichbleibende Eintrittstemperatur der Wärmequelle in den Wärmepumpenkreislauf. Bei einer Luft- Wasser-Wärmepumpe ist das völlig anders, denn die Temperaturunterschiede sind in hiesigen Breiten zwischen Sommer und Winter generell sehr groß.

Als der Markt in jenen Jahren boomte, war nicht jeder Bauherr glücklich, denn offensichtlich hatte die Industrie die Nachfrage unterschätzt?
Sicherlich konnte mit einer solchen Nachfrage niemand rechnen. Nahezu alle Marktteilnehmer/ WP-Hersteller konnten ihre gesamte Produktion abverkaufen und waren Ende 2006 nicht mehr lieferfähig. Nibe bekam hier erstmals vermehrte Aufmerksamkeit, als der Markt registrierte, dass wir trotz der Engpässe im Markt lieferfähig waren. Das Problem bestand vornehmlich in der Erschließung der Wärmequelle, denn die Bohrunternehmen konnten diese Nachfrage nicht befriedigen. Außerdem stieg dadurch der Preis und so die Einstiegshürde für die Wärmpumpentechnik.

Sind Wärmepumpen eigentlich nur für den Neubau geeignet?
Nein, sie lassen sich auch sehr effizient im Zuge von Renovierungen einsetzen, denn auch hier geht es um dichtere Gebäudehüllen und Energieeffizienz. Hier spielt die Luft-Wasser- Wärmepumpe ihre Stärken aus. Sie ist von der Erstellung her eine kostengünstige Variante. Die gegenüber der Erdreichwärmepumpe geringere Effizienz wird durch die höhere Wirtschaftlichkeit gegenüber anderen Heizungsarten ausgeglichen. Da der Neubau durch den Wegfall der Förderungsmaßnahmen stark nachgelassen hat, sehen wir im Renovierungsbereich einen attraktiven Markt für die Wärmepumpe. Die Geschäftsentwicklung in diesem Bereich hat dazu geführt, dass sich der Anteil an Luft-Wasser-Wärmepumpen in Deutschland auf rund 45 Prozent der insgesamt verkauften Wärmepumpensysteme erhöht hat.

Welchen Anteil hat die Wärmepumpe heute am Heizungsmarkt?
Ich denke, dass wir – bezogen auf den Wärmeerzeugermarkt über alles – im Augenblick bei rund acht Prozent Marktanteil liegen.

Wie wird die Entwicklung Ihrer Einschätzung nach weiter verlaufen?
Die Wärmepumpe hat das Zeug dazu, sich zum Marktführer zu entwickeln. Sie ist ausgereift, innovativ und wirtschaftlich. Und mit einer Steigerung der Stückzahlen wird auch der Preis weiter sinken. Das ist natürlich für den Bauherrn ein nicht zu unterschätzendes Argument.

Ist die Wärmepumpe förderungswürdig?
Seit 1. Januar 2008 gibt es das Marktanreizprogramm, das mit einem Volumen von 500 Millionen Euro pro Jahr noch bis 2012 dauern wird. Das ist für die Wärmepumpe ein Erfolg. Gemeinsam mit dem Bundesverband Wärmepumpe ist es uns gelungen, dass die Wärmepumpe erstmals als zu fördernder Wärmeerzeuger in einem politischen Positionspapier zu finden ist. Damit kommen die Nutzer dieser Technik in den Genuss von Fördergeldern.
Handlungsbedarf besteht hier noch ein wenig in der Umsetzung, denn beim Stellen der Anträge tauchten und tauchen immer wieder Schwierigkeiten auf, die wir – also die Industrie – jedoch gemeinsam mit unseren Handelspartnern lösen werden. Auch hier gilt: Lieber fehlerhaft begonnen als perfekt gezögert. Im Laufe der Zeit wird es hier routinierter zugehen.

Wie wirtschaftlich ist die Wärmpumpe?
Das hängt von den jeweiligen Kundenwünschen ab. Der Bauherr entscheidet, ob er ein Basis-, ein Komfort- oder ein Luxusprogramm installieren lassen möchte, das heißt, ob er nur die Heizung, Heizung plus Warmwasserbereitung oder noch zusätzlich eine kontrollierte Wohnraumlüftung wünscht. Eventuell möchte er zusätzlich auch eine Kühlung – aktiv oder passiv. Entscheidend sind also die Ausstattungskriterien. Wird nur Heizung mit Heizung verglichen, kommen für die Wärmepumpe völlig andere Amortisationszeiten heraus. Der Vorteil der Wärmepumpe liegt eindeutig in der Option, sie in ein ganzheitliches System integrieren zu können.

Nehmen wir doch einfach einmal „Heizung gegen Heizung“. Innerhalb welcher Zeit amortisiert sich eine Wärmepumpenanlage?
Abhängig vom gewählten System liegen die Amortisationszeiten zwischen sieben und neun Jahren.

Liegen die Schwerpunkte beim Einsatz der Wärmepumpe im privaten Wohnungsbau?
Hier zeichnet sich vor allem im kommunalen Bereich ein Umdenken ab. Da die Kommunen sich ohnehin finanziell in einer recht angespannten Lage befinden, sind sie jetzt schon kaum noch in der Lage, die vorhandenen Liegenschaften ohne Neuaufnahme von Schulden zu beheizen. Das entwickelt sich zu einer Negativspirale, die irgendwann ein Ende haben muss. Hier bietet sich die Installation leistungsstarker Anlagen an, denn, um Ihre Frage zu beantworten, die Wärmepumpe ist keineswegs auf den Einsatz im privaten Wohnungsbau beschränkt und hat auch dort schon seit längerer Zeit nicht mehr ihren alleinigen Schwerpunkt. Leistungsstarke Anlagen im Objektgeschäft sind eine ausgesprochen wirtschaftliche Alternative. Hierzu haben wir auch aus dem Bereich privater und kommunaler Investoren zahlreiche Beispiele – von der Lagerhalle bis zum Bürogebäude, vom Kindergarten bis zum Museum.

Gibt es Leistungsgrenzen?
Ja, wir können mit unseren Produkten derzeit Leistungskapazitäten bis zu 600 KW abdecken; aber das ist eine ordentliche Zahl. In großen Objekten stellen wir mehrere Maschinen in Kaskade, um diese Leistung zu erzielen. So können wir zum Beispiel in solchen Anlagen ein Modul für die Heizung abstellen und das zweite für die Warmwasserbereitung nutzen. Durch die Mehrstufigkeit der Anlage haben wir beim Ausfall eines Moduls auch eine höhere Sicherheit, um die Grundlast bereitzustellen. Bis zu zehn Maschinen lassen sich so in Kaskade installieren.

Wird die Wärmepumpe trotz steigender Strompreise eine wirtschaftliche Alternative zu anderen Heizungsarten bleiben?
Ganz gewiss, denn wenn wir über anteilige Steigerungen im Bereich der Stromkosten sprechen, müssen Sie bedenken, dass Sie die anteiligen Stromkosten beim Betrieb einer Wärmepumpe immer relativ betrachten müssen. So haben Sie bei der Erdwärmepumpe beispielsweise ein Verhältnis von 1:4, dass heißt ein Anteil Strom ergibt vier Teile Wärme. Die Preiserhöhung für elektrische Antriebsenergie trifft mich also hier immer nur zu 25 Prozent. Bei Öl oder Gas werde ich doppelt „bestraft“; einerseits steigen die Rohstoffpreise, andererseits die Stromkosten.

Wir groß ist das Potenzial für das Elektrohandwerk in diesem Markt?
Sehr groß; vor allem vor dem Hintergrund der Dynamik im Handwerk. Die Haustechnik rückt auf Seiten der Gewerke enger zusammen. Für das Elektrohandwerk bieten sich schon deshalb große Chancen, weil die Wärmepumpe mit Strom betrieben wird. Umgekehrt bauen immer mehr Heizungsspezialisten Know-how in der Elektrotechnik auf.

Wie groß ist der Zeitaufwand für einen Elektrotechniker, um mit der Vermarktung und Installation von Wärmepumpen an den Start zu gehen?
Wir sind in der Lage, ihm innerhalb von drei Monaten die nötigen Basiskenntnisse zu vermitteln. Aber auch danach helfen wir ihm bei allen Fragen im Bereich Service sowie der Planung größerer Anlagen. Um das Handwerk noch stärker unterstützen zu können, haben wir jüngst hier in der Firmenzentrale in Celle die Möglichkeit geschaffen, die Fachleute an allen Geräten in der Praxis zu schulen.
Wir können alle Möglichkeiten der Installationstechnik praxisgerecht simulieren. Ausbildung, Training und Schulung erhalten so einen noch höheren Stellenwert für Nibe. Das ist wichtig, denn die Zahl der Neueinsteiger wird aufgrund der Kundennachfrage Jahr für Jahr immer größer. Und es liegt in unserem Interesse, dass die Anlagen aus unserem Unternehmen richtig geplant und installiert werden, um ein hohes Maß an Kundenzufriedenheit zu schaffen. Wir haben stets den Markt in seiner Gesamtheit im Fokus.

Herr Schmidt, wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch.

Hintergrund:
Kurzporträt
Nibe Industrier AB ist Schwedens größter Lieferant von Heizprodukten für Ein- und Mehrfamilienhäuser sowie gewerblich genutzte Gebäude. Das Unternehmen expandiert seit Jahren kontinuierlich mit hohen Wachstumsraten, ist seit 1997 an der Stockholmer Börse notiert (O-Liste), verzeichnet einen Umsatz von rund 4,6 Milliarden SEK (ca. 500 Millionen EUR) und beschäftigt über 5.400 Mitarbeiter. Sitz der Hauptverwaltung ist Markaryd.

Ausgabe:
g+h 05/2008
Unternehmen:
Bilder:

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