16. DEZEMBER 2017

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Innovationskraft statt Krise


Gira. Von der aktuellen Wirtschaftskrise zeigt man sich in Radevormwald nahezu unbeeindruckt. Statt einseitig auf der Kostenbremse zu stehen, werden die Investitionen in die Innovations- und Vermarktungskraft bei Gira nochmals erhöht.

Herr Giersiepen, welche Auswirkungen hat die Wirtschaftskrise auf Gira?
D. Giersiepen: Die jahrelangen Wachstumsraten können in diesem Jahr nicht fortgeschrieben werden. In Deutschland liegen wir auf Vorjahresniveau und der Monat Juli lag wie der März sogar über dem Vorjahr. Im Exportgeschäft machen sich die negativen Wirtschaftsentwicklungen und die Verschiebung der Währungsparitäten stärker bemerkbar. Im Ausland ist die Spreizung zwischen den einzelnen Märkten sehr groß. Es gibt einige wichtige Märkte, die auf Vorjahresniveau liegen, viele mit einstelligem Minus und einige wenige, die ausgesprochen stark belastet sind.

Hatten Sie im Oktober letzten Jahres bereits strategische Maßnahmen eingeleitet?
D. Giersiepen: Zu diesem Zeitpunkt hatten wir, wie viele andere auch, noch nicht vermutet, dass sich die Krise so ausweiten würde. Bei Gira haben wir im Bereich der Leiharbeitskräfte reagiert, die wir aus den guten und sehr guten Jahren 2005 – 2008 noch beschäftigt hatten. Einige dieser Leiharbeitsarbeitskräfte, die sich als besonders leistungsfähig erwiesen haben, konnten aber auch in dieser Zeit übernommen werden. Es gibt bei Gira keine Kurzarbeit und ich kann derzeit auch nicht erkennen, dass das notwendig werden könnte. Es hat auch keine einzige betriebsbedingte Kündigung gegeben, die gab es in unserer 104-jährigen Unternehmensgeschichte im Übrigen noch nie.

Beunruhigt Sie die Tatsache, dass alle Experten nicht sagen können, wie es weitergeht?
D. Giersiepen: Ich glaube, die konnten noch nie eine verlässliche Prognose abgeben; sie verschweigen nur, dass sie es nicht können. Wenn Sie das Frühjahrsgutachten 2008 der Wirtschaftsweisen durchblättern, dann finden Sie kein einziges Wort darüber, was dann ab dem Herbst 2008 mit der internationalen Konjunktur passiert ist. In den stabilen Phasen einer Hochkonjunktur oder auch Rezession ist jeder von uns in der Lage, die Entwicklung auf zwei, drei Zehntel genau fortzuschreiben, weil die Trendanalyse dann einfach ist. In den Übergangsphasen oder bei solchen internationalen Turbulenzen versagen auch die „Weisen“ und korrigieren sich im Monatsrhythmus wie unsere Politiker.

Haben Sie eine Prognose?
D. Giersiepen: Wir sind der Überzeugung, dass Gebäudetechnik ein dynamischer Markt mit besten Perspektiven für die Zukunft ist. Millionen bestehender Gebäude werden intelligenter werden und es ist unsere unternehmerische Aufgabe, in diesem Markt mit innovativen Gira-Produkten und Dienstleistungen eine überdurchschnittlich erfolgreiche Rolle zu spielen. Aufgrund der nochmals gesteigerten Investitionen in die Gira-Produktentwicklung rechnen wir bereits im Jahr 2010 mit einer Fortsetzung des Unternehmenswachstums.

Woher kommt der Optimismus?
D. Giersiepen: Einerseits von den gerade beschriebenen nochmals erhöhten Investitionen in den Gira- Innovationsprozess. Andererseits davon, dass die Gebäudetechnik und -automatisierung in der Wahrnehmung von Bauherren, Investoren und Architekten in Zukunft deutlich stärker im Fokus stehen wird. Eine maßgebliche Energieeinsparung in Gebäuden wird in Zukunft nicht mehr über Dämmstoffe oder die Heizungsanlage zu erzielen sein, sondern nur durch eine Kombination mit der Gebäudetechnik. Dies werden wir in der Energieeinsparverordnung 2012 schon sehr deutlich erkennen. Das fordert das Elektrohandwerk und natürlich auch uns.

Inwiefern?
D. Giersiepen: Unsere Aufgabe ist es, dem Handwerk diese Lösungen und Produkte zur Verfügung zu stellen, sie zu entwickeln und marktreif zu machen. Deshalb haben wir Mitte Februar die Entscheidung getroffen, den Bereich Entwicklung noch weiter auszubauen. Dafür haben wir acht zusätzliche Stellen ausgeschrieben, von denen mittlerweile sieben besetzt sind.

Herr Borchmann, Sie zeichnen verantwortlich für den Bereich Entwicklung/Innovation, was verbirgt sich dahinter?
O. Borchmann: Der Bereich ist weit gefasst und beginnt beim Technologiemanagement, das Technologie-Scouting und Vorausentwicklung beinhaltet, Entwicklung und Konstruktion (Elektromechanik und Elektronik), Produktmanagement, Qualitätssicherung, technisches Prüffeld und technische Dokumentation – insgesamt also ein sehr weites und anspruchsvolles Feld.

Welche Bedeutung hat für Sie der Begriff Innovation?
O. Borchmann: Bei Innovationen unterscheide ich zwischen Basisinnovationen und sehr weitreichenden Innovationen für die gesamte Branche. Die Türkommunikation in die Schalterwelt zu integrieren, ist beispielsweise eine Basisinnovation. Es handelt sich also nicht um eine mit dem Transistor oder dem Computer vergleichbare Erfindung. Für die Branche ist es aber eine Innovation von erheblicher Bedeutung. Dann gibt es Innovationen, die inkremental sind, also Weiterentwicklungen. Aus meiner Sicht z. B. eine neue Sensortechnologie, die man einbringen kann – HF- statt PIR-Technologie; alles zum Kundennutzen.

Und wie sieht Innovation aus dem Blickwinkel von Gira aus?
O. Borchmann: Für Gira sehe ich das Thema aus zwei Blickwinkeln. Einer davon ist das Design, Gira ist meiner Überzeugung nach führend in der Formgebung und der Bedienung seiner Produkte. Der zweite Blinkwinkel ist durch die Platzierung neuer Technologien in der Branche bestimmt.

Welche sind das?
O. Borchmann: Wenn Sie die Entwicklung verfolgen, dass die Vernetzung in Gebäuden, auch im privaten Wohnungsbau, rapide steigt, dann haben wir es hier oft mit proprietären Systemen zu tun. Wir haben Funk-Systeme, KNX als nicht proprietären Standard (kann indirekt mit der IPWelt kommunizieren) und die Türkommunikation mit eigener Protokollierung. Die große Aufgabe ist es nun, diese Welten zu vereinen.

Wie soll das geschehen?
O. Borchmann: Als Netzwerk sehe ich hier ganz klar IP, denn das ist ein gesetzter Standard. Unsere Aktivitäten zielen darauf ab, die bislang noch getrennten Welten auf einer Ebene, auf der Basis der IP-Technologie und Protokolle zusammenzubringen. Im ersten Schritt werden wir die Türkommunikation an die IP-Welt anbinden. Zukünftig, in einem Zeitraum von fünf bis maximal zehn Jahren etwa sehe ich IP als Netzwerk in sehr vielen Gebäuden. Dort werden dann alle Funktionen von der Heizung über Multimedia, Hausgeräte, Licht bis zur Sicherheitstechnik abgebildet.

Wenn Sie die gesamte Haustechnik einbinden, dann müssen Sie zwangsläufig auch mit Unternehmen zusammenarbeiten, die von der klassischen Elektroinstallationstechnik teilweise weit entfernt sind. Gibt es hier bereits Kooperationen auf der Entwicklungsebene?
O. Borchmann: Wir haben zur IFA in Berlin eine Korporation mit Loewe bekannt gegeben, einer starken Marke in der Multimediawelt. Hier sehen wir vielfältige Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sowohl auf der Entwicklungsseite als auch in der Kommunikation und im Vertrieb.

Sie messen der IP-Welt eine sehr große Bedeutung für die Gebäudetechnik bei, besteht nicht auch die Gefahr, dass sich beispielsweise Microsoft dieses Themas annimmt und somit zum ernst zu nehmenden Wettbewerber wird?
O. Borchmann: Die Gefahr besteht durchaus. Aber ein Unternehmen wie Microsoft verfügt über kein gebäudetechnisches Know-how, kennt nicht die Gewerke und ihre Strukturen und hat auch keinen direkten Zugang zum Bauherrn. Und Microsoft verfügt als Softwareunternehmen nicht über die notwendige Kompetenz auf der Hardwareseite. Dies alles müsste man sich erst erarbeiten. Da bleibt es zumindest zweifelhaft, ob der Software-Riese in diese Richtung überhaupt gehen möchte. Darüber hinaus – und damit komme ich auf Ihre eingangs gestellte Frage zurück – wird es weiterhin für uns höchster Anspruch sein, Technologie in ein hervorragendes Design zu bringen.

D. Giersiepen: Ich glaube, dass deren Interesse im Hinblick auf die Gebäudetechnik an einem gewissen Punkt endet. Allerdings würde ich bis zu diesem Punkt das Engagement eines solchen Unternehmens durchaus begrüßen, denn je mehr namhafte Unternehmen sich an der Weiterentwicklung gebäudetechnischer Standards beteiligen, desto attraktiver wird das intelligente Gebäude für Millionen Bauherrn. Microsoft wird wohl keine Hardware anbieten wollen, aber die Vernetzung aller Systeme liegt sicherlich in der Strategie des Unternehmens. Hier und da, bei der Visualisierung zum Beispiel, kann es Wettbewerb oder Berührungspunkte geben. Als ernste Gefahr würde ich das nicht sehen, eher als Bereicherung und förderlich für die Verbreitung moderner Gebäudetechnik.

Welche Technik-Themen werden die Entwicklung vorantreiben?
O. Borchmann: Ein zentrales Thema wird sicherlich das Energiemanagement sein. Bei der Gebäudedämmung stößt man zunehmend an Grenzen. Potenziale sind künftig in der Verbrauchsmessung und der Verbrauchssteuerung zu finden. Mithilfe moderner Gebäudesystemtechnik lassen sich heute schon erhebliche Energieeinsparungen realisieren, das belegen auch aktuelle Studien. Hier wird es zu einem deutlichen Nachfrageschub kommen, denn das Thema wird heute auf allen Ebenen diskutiert. Da gilt es für Nachhaltigkeit zu sorgen. Gira ist deshalb auch Mitglied bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Dabei für mich ganz wichtig: Gira engagiert sich wie viele andere Hersteller und der ZVEI dafür, dass die Gebäudeautomatisierung in den Gesetzen und den Normen verankert wird, zum Beispiel in der Energieeinsparverordnung 2012.

All diese Themenbereiche erfordern für den Nutzer eine leistungsstarke Visualisierung, um hier noch den Überblick zu behalten. Welche Lösungen bieten Sie ihm?
O. Borchmann: An diesem Thema haben wir von Anfang an intensiv gearbeitet und wir werden auf der kommenden Light + Building neue, displayorientierte Produkte vorstellen, die auf die Design- Welt von Gira abgestimmt sind und eine Einbindung in die KNX und IP-Welt möglich machen. Übrigens wird in diesem Zusammenhang der Stellenwert von Software gegenüber der Hardware in der Elektroindustrie stark zunehmen.

Würden Sie uns schon etwas über weitere Neuheiten mit Blick auf die Light + Building sagen?
O. Borchmann: Zunächst haben wir als Erfinder des UP-Radios auf der Dortmunder Elektrotechnik ein neues RDS-Gerät vorgestellt, das klanglich viel zu bieten hat und sich über kapazitive Tasten bedienen lässt. Aus dem Radio können Sie ein Stereoradio machen und Sie können einen MP3- Player anschließen. Außerdem werden wir einen funkvernetzbaren Rauchmelder Dual (mit Thermo- und Rauchsensorik) in den Markt einführen, der sich aufgrund seiner Technik nun auch sinnvoll in Küche oder Bad einsetzen lässt und noch einige weitere interessante Features aufzuweisen hat. Die Bereicherung und Weiterentwicklung des erfolgreichen Esprit- Programms mit den neuen Glasrahmen im C-Schliff-Design wurde ebenfalls in Dortmund präsentiert. Die Light + Building wird ganz wesentlich durch die Themen Panel, Interfaces und IP geprägt sein – mehr möchte ich an dieser Stelle noch nicht verraten. Energiemanagement und Ambient Assisted Living werden weitere thematische Schwerpunkte bilden.

Noch einmal zurück zur IP-Welt, wenn sie vom Gebäude endgültig Besitz ergreift, wird es dann nicht manchmal auch sehr kompliziert für den Elektrotechniker?
D. Giersiepen: Der Elektrotechniker ist heute schon stark gefordert, sich mit sehr anspruchsvoller Technik zu beschäftigen. Gira bietet über Web-Trainings und das Netzwerk der Gira-Systemintegratoren eine starke Unterstützung. Mit Oliver Borchmann werden wir noch mehr darauf achten, unsere Technik leicht installierbar und ebenso leicht bedienbar zu gestalten.

Zum Abschluss noch einige Stichworte: Bankenkrise
D. Giersiepen: Unerträglich und dreist, wie hier für viele mittelständische Unternehmen Kreditklemmen von denen organisiert werden, die die Krise wesentlich mit verursacht haben.
O. Borchmann: Ein Zeichen, was Gier aus Menschen machen kann.

Managementgehälter
D. Giersiepen: Kann und sollte man nicht gesetzlich regeln. Maßhalten und soziale Verantwortung sind aber unverzichtbar.
O. Borchmann: Eine gewisse Maßlosigkeit ist eingetreten.

Wen nehmen Sie auf die einsame Insel mit?
D. Giersiepen: Meine Frau und meinen Sohn.
O. Borchmann: Meine Frau und meine beiden Kinder.

Und welche drei Gegenstände?
D. Giersiepen: Ein Buch über eine Weltumsegelung, meinen Leatherman für alle Fälle und ein Handy mit Internetzugang.
O. Borchmann: Ein gutes Buch, mein Laptop und einen Liegestuhl.

Ihr letztes Urlaubziel
D. Giersiepen: Mallorca.
O. Borchmann: Mallorca.

Familie
D. Giersiepen: Mittelpunkt und Sinn des Lebens.
O. Borchmann: Lebensmittelpunkt und Ruhepol.

Welche historischen Personen schätzen Sie besonders?
D. Giersiepen: Ganz aktuell bin ich wieder beeindruckt von den ersten beiden Astronauten, die den Mond betraten und J. F. Kennedy, der das mit seiner Vision 1961 initiiert hat.
O. Borchmann: Edison, Westinghouse, H. Schmidt und Kennedy.

Meine Herren, wir bedanken uns für das Gespräch.

www.gira.de

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