13. DEZEMBER 2017

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Offen und innovativ


Titel

Jürgen Lauber - Saia-Burgess Controls setzt konsequent auf offene Systeme in der Gebäudeautomation. g+h sprach im Schweizer Murten mit dem Geschäftsführer über die Technik und das Unternehmen.

Herr Lauber, würden Sie uns einmal den Rahmen der Unternehmensgeschichte- und -philosophie abstecken?
Gern, das Unternehmen hat bereits vor 60 Jahren mit der Produktion von Komponenten im Bereich der Energieeinsparung für die Gebäudetechnik begonnen. Im Fokus standen damals Treppenhausautomaten. Insofern haben wir uns bereits sehr früh dem Thema Energieeinsparung gewidmet.

Vor etwa 30 Jahren wurde das Spektrum um die SPS-Technik, also die Automatisierungstechnik erweitert. Heute sind wir soweit, dass wir beide Produktbereiche miteinander kombinieren und ein entsprechendes Produktspektrum für den anspruchsvollen Installateur anbieten, der den Weg in die Automatisierungstechnik gegangen ist oder gehen möchte.

Die bewegte Firmengeschichte hat sich heute vollständig stabilisiert. Wir sind ca. 340 Mitarbeiter und mittelständisch strukturiert. Saia-Burgess gehört heute zu einer Firmengruppe, die eigentümergeführt ist. Dabei handelt es sich um ein Familienunternehmen in der dritten Generation, was uns ein hohes Maß an Sicherheit und Stabilität gibt. Mit dem Eigentümer haben wir einen Investor gefunden, der sehr nachhaltig wirtschaftet; dies hat einen sehr positiven Einfluss auf unsere unternehmerische Entwicklung.

Das Unternehmen wurde 2005 übernommen, welche gravierenden Veränderungen hat es seitdem gegeben?
Bis 2005 war unser Investitionsvolumen durch Banken definiert. Seit wir den neuen Eigentümer haben, geht es um die Frage, was gut, wichtig und zukunftsfähig ist. Die Mitarbeiter, das Know-how und unsere Technik stehen im Fokus, nicht die Finanzen, um den Aktienkurs hochzuhalten.

Heute sprechen wir nicht mehr mit Banken, sondern mit Architekten, Planern und Installateuren, das ist für uns auch viel wichtiger und hat sich vielversprechend auf unseren Geschäftsverlauf ausgewirkt.

Hat es im Zuge der Übernahme Diskussionen über den Standort gegeben?
Einerseits war es hier in Murten immer schon das einzige Werk, das Saia-Burgess Controls hatte. Das wird es auch bleiben. Wir haben hier sehr zentral alles an einem Ort zusammengefasst. Darüber hinaus ist Murten der Standort für alle europäischen Zentraleinheiten und auch für unsere Eigentümergruppe. Murten ist steuerlich sehr attraktiv und hat auch aufgrund der vorhandenen Mehrsprachigkeit der Mitarbeiter einen hohen Wert.

War das Unternehmen immer schon international aufgestellt?
In den europäischen Kernländern sind wir schon immer mit eigenen Gesellschaften vertreten gewesen. Daran hat sich nichts geändert. Wir werden künftig aber in Europa eher zentralisieren.

Unser erklärtes Ziel ist es, ganz Europa, einschließlich Russland, mit jedem unserer Produkte innerhalb von 48 Stunden zu versorgen. Unser Logistik-Konzept setzt auf Schnelligkeit und Zuverlässigkeit.

Veränderungen hat es dahingehend gegeben, dass wir begonnen haben, Asien und China mit Erfolg als Markt aufzubauen. Dort werden wir mittelfristig auch eine eigene Wertschöpfung haben. Saia-Burgess Controls als reines mitteleuropäisches Unternehmen wird ein Unternehmen mit einem zweiten Standbein. Murten wird vom Geschäft in Asien deutlich profitieren können.

Gefertigt werden dort dann aber nicht Steuerungstechnik und programmierbare CPUs für Europa, aber sicherlich Gehäusetechnik oder kleine HMI-Geräte. Es macht keinen Sinn, so etwas „Made in Switzerland“ in den Fernen Osten zu bringen.

Welche sind Ihre bedeutendsten Auslandsmärkte?
Der wichtigste Auslandsmarkt ist Deutschland, gefolgt von Benelux, Frankreich und Italien. Am besten sind wir, was die Marktdurchdringung betrifft, natürlich hier in der Schweiz vertreten.

Wofür steht das Unternehmen auf der Produkt- und Technologieseite?
Das Unternehmen steht für industrielle Elektronik und industrielle Qualität. Damit ist ein Lebenszyklus von 15 bis 20 Jahren gewährleistet. Wir fertigen nichts, was diesem Anspruch nicht gerecht wird und stellen Produkte her, die keine proprietäre Technologie beinhalten. Stattdessen versuchen wir alles Proprietäre wegzulassen und setzen auf Standardtechnologien aus dem Web-/IT-Bereich, die man aus dem Alltag kennt.

Sie kombinieren wir mit den Werten einer SPS – das sind unsere Features. Ziel ist es deshalb nicht, ein proprietäres total-integrated Automationspaket in den Markt zu drücken; wir haben vielmehr eine Vision von Lean-Automation, eine Automation, die man ohne große Vorbildung und Studientätigkeit beherrschen und pflegen können muss. Wir setzen auf offene, nicht proprietäre Technik.

Sie fokussieren sich unter anderem auf den Bereich der Gebäudeautomation. Reicht das Engagement hinein bis in den privaten Wohnungsbau?
Es gibt Bauherrn, die sich eine solche Automatisierungslösung leisten können. Insofern ja, auch wenn die Kostenschwelle für einen privaten Bauherrn noch hoch ist. Eine unserer Visionen ist es, diese Schwelle abzusenken. Die Homeautomation soll, wenn es zum Beispiel um das Thema Energiemanagement geht, aus unserer Sicht in den kommenden fünf bis zehn Jahren für einen größeren Kreis von Bauherrn erschwinglich werden.

Wenn Sie den Objekt- und den Privatbau betrachten, wo sehen Sie für Ihr Unternehmen die größten Wachstumschancen?
Der Treiber für Wachstum ergibt sich in dem von Ihnen beschriebenen Umfeld aus dem Thema Energiemanagement. Darin enthalten sind die Bereiche Smart Grid, Smart Home und Smart Metering. Für sich allein genommen macht keiner der Aufgabenbereiche Sinn. In der Kombination aber ergeben sich große Chancen, die Automatisierung im Privatbereich voranzutreiben. Wir möchten diese Themen in unseren Lösungen kombinieren.

Tangiert Sie das Thema Elektromobilität?
Ja, durchaus, wird sind beispielsweise an den Zapfsäulen mit unseren Energiezählern vertreten. Dann geht es in die Richtung, die wir Wide-Area-Automation nennen, also beispielsweise die Steuerung der Energiezähler über das Telefonnetz, sodass man beispielsweise seine „Stromtankrechnung“ über das Handy bezahlen kann und vieles mehr. Dazu muss die jeweilige Zapfstelle über ein Steuerungsteil mit GSM angekoppelt werden. Im Vergleich zur klassischen Automationsapplikation sind das aber noch kleine Stückzahlen. Dennoch sind wir an vorderster Front mit dabei.

Sie entwickeln hier vor Ort. Wie verlaufen in Ihrem Unternehmen die Entwicklungsprozesse?
Wir haben die Philosophie, alle Elemente unserer Produkte in unserem Haus selbst zu entwickeln und zu produzieren. Deshalb kaufen wir weder Teile noch Technologie von außen zu.

Wir entwickeln aber Produkte auch mit Partnern. So haben wir das Betriebssystem unserer Steuerungstechnik in den Jahren 2001 und 2002 im Rahmen eines europäischen Forschungsprojektes gemeinsam mit Philips und Nokia entwickelt.

Aktuell sind wir in verschiedenen Forschungsprojekten im Bereich Energieeffizienz auf europäischer Ebene engagiert. Hier geht es um die Energieoptimierung von Gebäuden. Die eigentliche Produktentwicklung und Fertigung findet aber ausschließlich hier bei uns statt. So haben wir die beste Kontrolle und können unsere hohen Qualitätsansprüche sicherstellen.

Bei der Entwicklung bekommen wir zum Beispiel von einigen Großkunden wertvolle Impulse für Weiterentwicklungen. Input kommt aber auch aus unseren Vertriebsorganisationen. Ziel ist es immer, eine Technologieplattform zu schaffen und diese dann in verschiedenen Gehäusen unterzubringen.

Welche Rolle spielt in Ihrem Unternehmen das Produkt-Design?
Bislang haben wir unsere Produkte für den Automationsschaltschrank entwickelt und optimiert. Dort haben wir in diesem Jahr die gesamte Produktpalette erneuert und modernisiert.

Alle unsere Produkte haben Switches standardmäßig integriert, alle haben USB als Serviceschnittstelle, überall kann man Gigabyte-Speichervolumen nutzen. Jetzt haben wir damit begonnen, diese Technik in die Bauform des Installationsschaltschrankes zu bringen. Das wird für uns spannend, denn dort ist alles kleiner.

Wie setzt sich Ihre Kundschaft zusammen?
Zwei Drittel unseres Umsatzes machen wir mit Systemintegratoren, das sind Unternehmen in der Größe zwischen drei und dreißig Mitarbeitern, die teilweise auch im Schaltschrankbau tätig sind. Kennzeichen dieser Unternehmen sind ihre ausgesprochen hohe Kundennähe und ihre Schnelligkeit auf dem Markt.

Gibt es Unterschiede zwischen Schweizer Kunden und jenen beispielsweise aus Deutschland?
Wir haben festgestellt, dass die Welt im Grunde genommen ein Dorf ist. Unsere chinesischen Kunden ticken genauso wie diejenigen aus der Schweiz oder Deutschland.

Es ist schon fantastisch, wie sich Profil und Verhalten ähneln, auch wenn es in den Ländern natürlich unterschiedliche Entwicklungsstadien gibt, was die erreichten technischen Standards betrifft.

Wie kommen Sie mit Ihren Kunden in Kontakt?
Über Werbemaßnahmen, von Anzeigenschaltungen über Roadshows und Events bis hin zur sogenannten Kaltakquise. Wir suchen uns Unternehmen aus, die einen technischen Anspruch haben, die sich in Richtung Automatisierung/MSR-Technik weiterentwickeln möchten. Sie kommen aus dem Bereich Elektroinstal-lation oder Anlagenbau. In der Schweiz haben wir mittlerweile eine so hohe Reputation, dass die Kunden oft auf uns zukommen.

Welche Kriterien setzen Sie bei Ihren Systemintegratoren an?
Erstens suchen wir Partner, die eine langfristige und somit nachhaltige Geschäftspolitik betreiben. Wir möchten also niemanden, der heute einmal ein Projekt abwickeln möchte und morgen etwas anderes macht. Wichtig ist für uns auch, dass er gut ausgebildet ist. Dann helfen wir ihm bei seinem ersten Projekt, mit der Erwartung, dass er anschließend selbstständig mit unserer Technik arbeiten kann.

Einmal im Jahr veranstalten wir ein Review unter der Fragestellung, welche Projekte ausgeführt wurden und ob es Reklamationen aus dem Anwenderbereich gegeben hat. Ist hier alles stimmig, erhalten unsere Partner ein Zertifikat, mit dem wir bestätigen, dass sie solche Automationsprojekte professionell abwickeln können.

Wie hoch sind die Einstiegshürden, um mit Ihrer Technik professionell umgehen zu können?
Jemand der beispielsweise aus der Elektrotechnik kommt, hier haben wir zurzeit die größten Zuwachsraten in unserer Kundschaft, wird mit unserer Technik nach entsprechender Schulung keine Probleme haben. Auch ohne Programmiererfahrung wird er in der Lage sein, technisch anspruchsvolle Projekte zu bearbeiten. Die intensiven Schulungsmaßnahmen dauern etwa eine Woche, dann kommen vielleicht noch zwei, drei Tage Unterstützung durch uns beim ersten Projekt und später sinnvollerweise noch einmal eine Ergänzungsschulung – das war es auch schon.

Wie schaut die Kundenbetreuung in Deutschland aus?
Wir haben in Deutschland 35 Mitarbeiter, hauptsächlich in Neu- Isenburg bei Frankfurt am Main. Dann haben wir noch sechs Regionalbüros, die mit Ingenieuren besetzt sind, damit bei Bedarf vor Ort sofort Unterstützung vorhanden ist.

Wenn heute ein Installateur in die Gebäudeautomation einsteigt, muss er sich für ein System entscheiden. Was würden Sie ihm hier empfehlen?
Wer auf die Technik aus unserem Hause setzt, muss sich auf nichts festlegen, weil er sich für ein offenes System entschieden hat, an das KNX, Lon, Modbus, Bacnet oder klassische RS 485-Technik angeschlossen werden können. Wir stehen für Offenheit und Innovation. Dabei setzen wir, um es noch einmal zu betonen, auf eine Offenheit ohne herstellerproprietäre Protokolle.

Herr Lauber, zum Abschluss noch einige Stichworte

Deutschland: Potenzial
Schweiz: Stabilität
Hobbys: Klettern, Skaten, Joggen
Familie: Toll
Kinder: Zwei
Freunde: Einige
Lieblingsreiseland: Israel
Lieblingsmusiker: Sido
Lieblingsgericht: Pizza
Macht: Interessant
Geld: Schön, es zu haben
Sinn des Lebens: Freude
Tod: Schnell

Herr Lauber, vielen Dank für das Gespräch.

www.saia-pcd.com


Spezialist in Controls

Saia steht für Entwicklung, Produktion und Vertrieb von elektronischen Komponenten und Systemen der Steuerungs-/Regelungstechnik in industrieller Qualität. Seit 1950 werden in hohen Stückzahlen elektronische Zeitschaltgeräte an einen breiten Kundenkreis geliefert.
In 1978 werden die ersten Saia speicherprogrammierbaren Steuerungen (SPS) eingesetzt. Den Produktbereich von Bediengeräten (HMI) gibt es seit Anfang der 90er Jahre. Die weltweit geschützte Marke für Steuerungs-/Regelungsprodukte ist Saia-PCD.

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