15. DEZEMBER 2017

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Wenn Hirsche sich küssen


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Lenggries. Das neue Firmengebäude von Petra Waldherr-Merk ist mit KNX-Technik von Theben ausgestattet. Produziert wird dort ein außergewöhnlicher Likör mit einer ebenso außergewöhnlichen Geschichte. g+h war vor Ort.

Das im typisch bayerischen Stil gehaltene und trotzdem moderne Gebäude verbirgt die „Genussmanufaktur“ Petra Waldherr-Merks, ein Geschäft, in dem es neben den eigenen Erzeugnissen vieles zu kaufen gibt, was das Leben schöner macht. Und es beherbergt die Produktion für den mittlerweile weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannten Kräuterlikör „Hirschkuss“. Grund genug für die g+h Redaktion, ins malerische Gaißach zu reisen und hinter die Kulissen der „Liebesaffäre“ zweier Hirsche zu schauen.

So harmonisch das Markenetikett auf den Likörflaschen auf den Betrachter auch wirken mag, so heftig waren die Kämpfe, die die Inhaberin auszufechten hatte, bevor sie ihre Erfolgsrezepte weltweit vermarkten konnte. Am Anfang war es denn auch eher ein „Hirschebrüllen“ als ein Kuss und ein wenig ähnelten die Startwehen denn auch dem Kampf Davids gegen Goliath, der, wie wir aus der Bibelstunde wissen, zugunsten Davids ausfiel.

Doch nicht nur die Unternehmensgeschichte ist interessant, sondern auch die im Gebäude installierte Elektrotechnik, die vom Lenggrieser Unternehmen Elektro Schmid ausgeführt wurde. Vor Ort sprachen wir mit dem Inhaber, Hans Schmid und seinem Sohn Florian über das Projekt.

Frau Waldherr-Merk, wie hat die Geschichte Ihres Unternehmens begonnen?

Im Grund genommen komme ich aus einem ganz anderen Gewerk, denn begonnen habe ich mit einem kleinen Bauernhof, auf dem ich ein kleines Geschäft mit Geschenkartikeln und allem, was der Seele gut tut, betrieben habe. Meinen Kunden habe ich schon damals immer etwas angeboten, mal einen Cappuccino oder einen Prosecco – bis mir meine Großtante vor sechs Jahren ihre Likörrezepte übergeben hat.

Damit war die Geburtsstunde Ihres heutigen Geschäfts gelegt?

Im Grunde schon. Meine Großtante hat ihr ganzes Leben lang Liköre hergestellt, um unseren Bekanntenkreis bei festlichen Anlässen damit zu beschenken. Sie hat mir aber nicht nur die Rezepturen erklärt, sondern mich auch in die Praxis der Likörherstellung eingewiesen, denn ein Rezept allein hilft herzlich wenig. Erst als ich gemeinsam mit meiner Großtante arbeitete, lernte ich die entscheidenden Kniffe, um einen qualitativ hochwertigen Likör zu produzieren. Heute bin ich im Besitz von mehr als 40 Rezepten, von denen wir allerdings zurzeit nur vier für die Produktion nutzen.

Im Gegensatz zu Ihrer Großtante haben Sie daraus ein Geschäftsmodell entwickelt?

Genau, vor ungefähr sechs Jahren haben wir die ersten Liköre angesetzt – mit dem Gedanken, sie zur Weihnachtszeit an meine Kunden auszuschenken. Schon bald fragten die ersten, ob sie den Likör auch kaufen könnten. Und so begann ich zu erwägen, ein eigenes Geschäftsfeld für den Likör ins Leben zu rufen.

Welches waren die ersten Schritte?

Zunächst schaute ich mich im Internet nach einer geeigneten Flasche um. Da wir hier in Bayern leben, bot sich ein Modell mit Bügelverschluss an, wie wir es heute auch einsetzen. Ich hatte damals aber noch nicht gewusst, dass man die Flaschen nur in der Palette kaufen kann und das waren 2.000 Stück. Die, so dachte ich etwas erschrocken, würden für den Rest meines Lebens ausreichen. Bestellt habe ich sie dann aber doch.

Um sie dann mit dem Hirschkuss zu füllen?

Zunächst nicht, denn zu diesem Zeitpunkt gab es noch gar keinen Namen für den Likör. Weil in Lenggries ein springender Hirsch im Wappen ist und es sich ja um ein Lenggrieser Produkt handelte, wollten wird den Hirschen stilisieren lassen, und schon rasch hatten wir auch den Namen Hirschkuss gefunden. Die ersten selbstgefertigten Etiketten haben wir dann mit Tapetenkleister selbst auf unsere Flaschen geklebt, nachdem wir mit einem Trichter unseren Likör eingefüllt hatten. Von Anfang an verkauften wir ihn unerwartet gut und auch die ersten Wirte bestellten ihn bereits bei uns.

Worauf führen Sie eigentlich diesen raschen Erfolg zurück?

Einerseits auf den außergewöhnlich guten Geschmack des Likörs, aber auch auf die überaus große Unterstützung durch unsere Kunden; denn den Namen Hirschkuss fand fast jeder sehr originell, so dass wir ihn rasch schützen lassen wollten. Kaum hatten wir ihn angemeldet, bekamen wir Post von Jägermeister, denn der Hersteller war von unserer Idee wenig begeistert, weil das Unternehmen unter anderem seine eigenen Markenrechte berührt sah.

Und wie haben Sie reagiert?

Zuerst habe ich selbst geantwortet und darauf verwiesen, dass der Name Hirschkuss nicht verwechselbar sei, außerdem habe auch unsere Flasche mit ihrem Produkt keine Ähnlichkeit. Die Markenschutzabteilung beantwortete das Schreiben drei Wochen später und da wusste ich, dass ich einen Anwalt benötigte.

Konnte dieser Ihnen helfen?

Der erste Anwalt riet mir dazu, einen anderen Namen zu wählen, zumal sich der Streitwert im Falle einer Auseinandersetzung rasch auf 400.000 Euro belaufen könnte. Da ich zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 100 Flaschen verkauft hatte, klang das schon sehr einschüchternd. Aufgeben wollte ich aber nicht und bat ihn, den von Jägermeister beim Patentamt eingereichten Einspruch abzuwenden. Das Patentamt gab uns Recht, weil zwischen Jägermeister und Hirschkuss keine Verwechslungsgefahr bestehe. Daraufhin wurde der Einspruch zurückgezogen und die Ausgangssituation war wieder hergestellt. Eine Klage schien nun unvermeidlich.

Die dann auch erfolgte?

Nein, denn zum Glück kam eine Redakteurin des bayerischen Fernsehens auf mich zu, um über die Geschichte in der Sendung „Quer“ zu berichten. David gegen Goliath schien sie zu reizen – mich aber zunächst nicht. Nachdem die Sendung ausgestrahlt wurde, waren die Reaktionen überwältigend, sodass unsere selbstgebastelte Internet-Seite rasch zusammenbrach. Es kamen Zuschriften und E-Mails von überall her, die uns den Rücken stärkten.

Aber wenn es zur Schwurhand käme, wären Sie trotz dieses Zuspruchs allein gewesen?

Richtig, und dies waren auch meine Ängste. Jägermeister bot zwar nach der Sendung eine gütliche Einigung an, die aber so aussah, dass die Vermarktung nur auf den deutschsprachigen Raum begrenzt gewesen wäre. Mit der Einigung verbunden war auch die Forderung nach einer Erklärung, wie gut Jägermeister doch eigentlich zu uns gewesen sei. Dies alles störte mich, obgleich unser Anwalt begeistert war. Mein Bauchgefühl sagte mir aber das Gegenteil. Der Zufall kam mir zur Hilfe. Ein 75-jähriger Patentanwalt aus Gräfelfing bot uns seine Unterstützung in Form einer kostenlosen Vertretung an.

Wie verlief die Auseinandersetzung?

Es folgte dreieinhalb Jahre lang ein Briefwechsel zwischen Wolfenbüttel und Gräfelfing. Diese Zeit war alles andere als einfach für uns. Zwischenzeitlich hatten wir auch schon begonnen, unser Etikett zu modifizieren, da wir ja noch immer keine Rechtssicherheit hatten. Eine Grafikerin aus der Region gestaltete dann die beiden sich küssenden Hirsche, die wir zwar ausgesprochen gelungen fanden, die aber natürlich die Hirsche noch stärker in den Vordergrund stellte. Dennoch reichten wir 2009 diese Arbeit als Wortbildmarke beim Patentamt ein und Jägermeister erhob keinerlei Einwände mehr. Jetzt ist die Marke weltweit geschützt und wir konnten uns unserer ureigenen Aufgabe, der Likörproduktion widmen.

Wie ist das Geschäft angelaufen?

Durch die Auseinandersetzung mit Jägermeister haben wir ja auch eine kostenlose Werbung bekommen, sodass der Zuspruch von Anfang an sehr groß gewesen ist und wir schon 2009 auf eine Abfüllmenge von 30.000 Litern kamen, sodass wir im selben Jahr in Lenggries ein Grundstück kauften und darauf unser Geschäft mit unserer Likörproduktion errichteten. Seit April 2010 arbeiten wir hier am Standort mit sehr großem Erfolg und haben die Produktion etwa um das Vierfache steigern können; wir stoßen von den räumlichen Kapazitäten her schon jetzt wieder an unsere Grenzen, möchten aber trotz der großen Menge auf unsere Handabfüllung- und -etikettierung auch in Zukunft nicht verzichten. Mittlerweile exportieren wir unseren Likör auch in das Ausland, beispielsweise Österreich, Schweiz und die USA.

Sie haben in diesem Gebäude modernste Elektrotechnik eingesetzt, darunter auch KNX. Wie reifte für Sie der Entschluss, das Gebäude elektrotechnisch mit Bustechnik auszustatten?

Überzeugt davon haben mich mein Sohn sowie der Elektromeister Hans Schmid und dessen Mitarbeiter Florian Oettl.

Herr Schmid, Ihr Unternehmen hat die Elektroinstallation im Gebäude ausgeführt. Seit wann arbeiten Sie im KNX-Bereich?

Hans Schmid: Seit 2005 beschäftigen wir uns mit KNX und vermarkten das Bussystem sehr erfolgreich. Bustechnik-Experte im Unternehmen ist Herr Florian Oettl, der auch für das Gebäude, in dem wir uns hier befinden, verantwortlich zeichnet.

Welche Funktionen umfasst das KNX-System hier vor Ort?

Florian Oettl: Eingebunden sind die Heizungsregelung und die Lichtsteuerung, also Schalten, Dimmen und die Steuerung der Außenbeleuchtung. Der Bauherrin war es vor allem wichtig, dass man von der Technik so wenig wie möglich sieht. Konventionelle Technik auf der Oberfläche und dahinter hochmoderne Bustechnik von Theben, einem Unternehmen, mit dem wir insbesondere bei KNX-Projekten sehr gern zusammenarbeiten, weil wir hier die professionelle Beratung und Unterstützung sehr schätzen.

Seit wann sind Sie im Unternehmen von Herrn Schmid tätig?

Ich bin seit 2003 im Unternehmen und habe 2009 meine Meisterschule absolviert.

Und wann haben Sie begonnen, sich mit Bustechnik zu beschäftigen?

Seit meiner Lehrzeit und dann ab 2005 sehr intensiv auch in der Praxis. Ich freue mich über jeden Auftrag, den wir aus diesem Bereich bekommen können. Die Möglichkeiten, die KNX bietet, haben mich schon immer fasziniert. Wir haben hier im Gebäude aber nicht nur die KNX-Anlage installiert, sondern auch die gesamte Netzwerktechnik.

Frau Waldherr-Merk, meine Herren, vielen Dank für das Gespräch.

www.hirschkuss.de

www.theben.de


Herstellung Hirschkuss

Der wohlschmeckende 38 %-Kräuterlikör „Hirschkuss“ entsteht aus rund 40 verschiedenen Kräutern und Wurzeln, viele davon aus der Alpenregion, wie zum Beispiel Enzian, Melisse, Anis, Baldrianwurzel, Kümmel, Liebstöckel, Wacholder, Waldmeister, Arnika, Ingwerwurzel und einigen Kräutern, die nicht verraten werden. Die Kräuter werden zunächst genauestens nach Rezeptur gewogen, gemahlen und gemischt und anschließend mazeriert. Bis zur Abfüllung sind dann noch viele weitere Arbeitsschritte erforderlich.

Ausgabe:
g+h 01/2011
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