SEPTEMBER
09.2010


 

Elmos New York


Themen

New York - Tagebuch, Tei II. - Der Countdown für die Bewerbung um den g+h Innovationspreis läuft. Knapp einen Monat haben g+h-Leser noch die Möglichkeit, sich zu bewerben. Im beiliegenden Folder oder auf unserer Homepage finden sie alle Infos. Der Hauptpreisträger fliegt nach New York. Chefredakteur Elmo Schwandke war vorher dort und hat Tagebuch geführt.

Viele Reisende behaupten, dass man New York nur hassen oder lieben kann, ein Dazwischen existiert nicht. Wer nicht dort gewesen ist, wird die Wahrheit wohl niemals erfahren, obgleich jeder meint, sie schon lange zu kennen. Die gigantischen Leuchtreklamen und Billboards am Times Square, das Guggenheim Museum, das Empire State Building, der Central Park, die Freiheitsstatue, die Brooklyn Bridge, die „Twin Towers“ und „Ground Zero“ werden sofort aus dem Gedächtnis abgerufen, wenn der Name New York erklingt. Kaum ausgesprochen, starten im Kopf kleine Filmschnitte und jedem werden die ins World Trade Center einschlagenden Flugzeuge vorgeführt. Damals am 11. September 2001 waren wir Augenzeugen und hielten den Atem an, als eine Boeing 767 um exakt 8:46 in die Nordfassade des Nord-Towers einschlug und nur wenig später eine weitere Maschine den zweiten Turm traf. Diese Leuchttürme im Meer aus Beton, von den New Yorkern anfänglich nur wenig geliebt, waren einst nicht nur die höchsten Gebäude der Welt, sie symbolisierten auch wie kein anderes Bauwerk den transatlantischen Traum, das amerikanische Selbstwertgefühl und jenes New Yorks ganz besonders. Wer in den oberen der 110 Etagen sein Büro hatte, saß an manchen Tagen über den Wolken, losgelöst vom hektischen Treiben im Herzen der internationalen Finanzwelt. Für einen Moment verschwammen in jenem Spätsommer 2001 die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum; die Erschütterung folgte erst viel später und fiel um so heftiger aus.

Niemand hätte sich ein solches Verbrechen auch nur denken können und so hielt die Welt die ersten Bilder aus dem Internet für eine Promotion-Aktion Hollywoods, nicht mehr als ein perfekt inszeniertes Spektakel, um wie so oft Kasse zu machen. Einen anderen Grund für die Existenz New Yorks schien es ohnehin bis zum 11. September nicht zu geben. Unnachahmlich hat Wolfgang Koeppen diese Wahrheit in seiner „Amerikareise“ fast beiläufig skizziert. „Wallstreet beginnt mit einer Kirche und einem Friedhof, mit einem Gebet und Gräbern.“ Nur wenige Augenblicke verstrichen am 11. September, bis jeder am PC oder vor dem Fernseher begriffen hatte, das kostenlose Billet für die Vorstellung eines modernen Schauerstücks erhalten zu haben, das alles bis dato aufgeführte in den Schatten stellte. Die Terrorakte glichen einem persönlichen Angriff, denn New York stand und steht unangefochten an der Spitze, wenn die Superlative der modernen Industriegesellschaft zitiert werden.

Die Baugruben sind hier so tief wie andernorts die Hochhäuser; am Ground Zero geht es gut acht Stockwerke nach unten. Magnetisch zog und zieht der Moloch Menschen an, hält sie fest, ja verschlingt sie manchmal unnachsichtig und erbarmungslos. Von einer unbezähmbaren Gier besessen vertilgt er alles, jeden Tag: rund eineinhalb Milliarden Liter Wasser, fünftausend Rinder und ebenso viele Schweine, Plantagen voller Obst und Gewächshäuser voller Gemüse. Nachdem er alles verdaut hat, scheidet er es aus, mehr als 50 Jahre lang im Süden von Staten Island auf einer der größten Müllkippen der Welt, die im Jahr 2001 endlich geschlossen wurde, nur um sogleich für die Trümmer des World Trade Centers erneut geöffnet zu werden. Zwischen 25.000 und 30.000 Tonnen Müll produziert die monströse Stadt jeden Tag. In Spitzenzeiten wurden so innerhalb von 24 Stunden etwa 14.000 Tonnen auf die offene Müllkippe Fresh Kills in schier endlosen Mülltransporterkolonnen verfrachtet. Und doch faszinieren auch solche Superlative auf die ihnen eigene Art. Der erste Schritt auf die Straße und ein Blick in den Betondschungel reizen alle fünf Sinne, von den Haar- bis zu den Zehenspitzen wird New York spürbar, ihre atmosphärische Überfülle wird jeder sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen.

Die Fußsohlen fangen wie Seismographen kontinuierlich kleine Erschütterungen ein, auf den schwankenden Planken der altersschwachen Brooklyn Bridge, ausgelöst durch einen nie versiegenden Strom aus Lastwagen und Autos, oder in den Straßen Manhattans, wenn die U-Bahnen durch das komplexe Labyrinth der Unterwelt rasen. Auf jeden Fall mehr als 60, vielleicht 130 oder gar 180 Sprachen –das ist etwa die Zahl aller bekannten Sprachfamilien rund um den Globus – tragen zum 24 Stunden in jedem Winkel wahrnehmbaren Grundrauschen bei, perfektes Amerikanisch ist die Ausnahme, eine Erleichterung für Geschäftsleute und Reisende mit fremdsprachlichen Schwächen. Zwar ist die Verständigung manch mal nicht einfach, doch meist ergänzt sich das fehlende Vokabular der Gesprächspartner perfekt; als Paar sind der Blinde und der Taubstumme nun einmal unschlagbar. Wenn wir in Deutschland über multikulturelles Zusammenleben diskutieren, wirkt es vor dem New Yorker Stadtbild bedeutungslos.

Die Stadt, eingeteilt in die fünf Boroughs Manhattan, Bronx, Queens, Staten Island und Brooklyn, zerfällt in kleinste ethnische Viertel, die sich nicht immer, aber immer öfter in einer Art friedlicher Koexistenz üben. Es gab auch andere Zeiten. Besonders die über Generationen hinweg fortbestehende Unterdrückung und Entrechtung der Schwarzen ist heute noch spürbar, wenn man in den Vierteln Brooklyns, hier und nicht in Harlem leben die meisten, die endlosen Häuserreihen entlangschlendert. Solange es gelingt, jedes noch so ärmliche Viertel einigermaßen am Leben zu halten, wird wohl eine Art Burgfrieden zwischen den ethnischen Gruppen herrschen; größere Verschiebungen des überall spürbaren sozialen Gefälles können aber von heute auf morgen den Deckel dieses ruhenden Vulkans heben; dann steht der Ausbruch unmittelbar bevor. Entgegen der oft geäußerten Ansicht, dass New York ein Schmelztiegel multikultureller Vielfalt sei, zeichnet die Wirklichkeit ein völlig anderes Bild. So bunt der Menschenmix sich in der Stadt auch präsentiert, nach Feierabend zieht sich fast jeder in seine New Yorker Miniaturstaaten zurück und einige, wie die Chinesen, verlassen sie erst gar nicht. Der Schwarze, der freundlich die Hotelgäste der Nobelherberge begrüßt und die Tür öffnet, ein anderer, der das Gepäck in die Suiten fährt, und ein dritter, der alle handwerklichen Aufgaben widerspruchslos und perfekt erledigt, sie alle scheinen den Hautkontakt mit einer Welt zu lieben, zu der sie niemals gehören werden. Nach g+h April 2010 Feierabend kehren sie ihr den Rücken, versinken in den Schächten der Untergrundbahn, um in einem Stadtviertel wieder aufzutauchen, das vom Zentrum Manhattans weiter entfernt ist als die Heimat der Fernreisenden, die 365 Tage die Stadt belagern. Ihr Zuhause liegt in den Schwarzenvierteln Brooklyns oder der Bronx.

Die Bronx ist das Viertel mit der prozentual höchsten Hungerrate in den USA. Mehr als 36 Prozent der Bevölkerung gaben in einer Umfrage an, dass sie im letzten Jahr nicht genügend Geld hatten, um ausreichend Lebensmittel zu kaufen. Von solchen Geschichten kann die Stadt, die angeblich niemals schläft und es auch in Wirklichkeit nicht tut, viele erzählen. New York ist flächenmäßig mit Paris zu vergleichen; nur leben hier mehr als viermal so viele Menschen. Um Platz zu sparen, haben die Stadtplaner sie zunächst zusammengedrängt und dann in gesichts- und farblosen Mietskasernen der Slums „gestapelt“ – unkontrollierbar für Behörden und Polizei. Trotz aller Anstrengungen ist das bis heute so geblieben. Wer mutig ist, fährt nach Brownsville, dem gefährlichsten Stadtteil, und geht in eine der Mietskasernen. Das ist ein Abenteuer der besonderen Art, zumal dort die weiße Hautfarbe fast ausnahmslos nur aus der Uniform eines Cops blitzt, der kommt, um eine Brandstiftung oder einen Mord zu protokollieren. Vielleicht wird Henry Miller, der die Stadt zu Beginn der Siebzigerjahre dem Untergang geweiht sah, eines Tages recht behalten: „Ich werde keine Tränen vergießen über New Yorks Hinscheiden, falls ich es erlebe. So mächtig es ist, seine Stärken bedeuteten mir nie etwas. In meiner Vorstellung ist es bereits eine tote Stadt, zerbröckelnd von oben bis unten.“

Solche Urteile wurden über New York immer wieder gefällt, regelmäßig wenn sie pleite war, es Aufstände gab oder ein abscheuliches Verbrechen von einem noch abscheulicheren abgelöst wurde. Gestorben ist die Ruhelose nie. Menschenleere herrscht auf dem Big Apple nur in den frühen Morgenstunden, dann sieht man, geprägt vom Stadtviertel, das man gerade besucht, unterschiedlichste Schattengestalten wie Drogenhändler, Prostituierte, Straßengangs, Betrunkene und Obdachlose, von denen New York fast 40.000 zählt. Tagsüber sind jene, die das Leben an seine Peripherie geschleudert hat, unsichtbar; in Manhattan sowieso, denn die Bürgermeister, allen voran Rudolph Guiliani, haben das einst desaströse Image durch radikale Maßnahmen mit großem Erfolg aufpoliert, wenn auch nur selten zum Wohle der „Vertriebenen“, die immer noch im Dunstkreis der City leben.

Die Insel Manhattan, wenn man dort ist, vergisst man leicht, dass dieser Stadtteil tatsächlich nur über Brücken, durch Tunnel oder mit dem Schiff zu erreichen ist und man jeder Straße stets bis ans Wasser folgen kann, wird vom Central Park ab südwärts von so vielen Cops bewacht, dass es einem Touristen nicht möglich ist, für die Videoaufnahme ein Stativ aufzustellen. „No Tripods“, also „keine Stative“ tönt es aus energischem Mund, noch bevor man die ausgeklappten Stativfüße auf dem löchrigen Asphalt platziert hat. Die Dreharbeiten für unser g+h-Video (www.guh-elektro.de), so kurz und knapp es auch ist, waren stets ein Wettlauf mit der New Yorker Polizei. Mit ihrer kriminellen Vergangenheit hat New York immer noch zu kämpfen. Ende der Achtzigerjahre erreichte das Negativimage seinen Höhepunkt und die Stadt fuhr wie ein Hochgeschwindigkeitszug in die Endstation völliger Verwahrlosung. Nicht ohne Grund hatte der Filmregisseur John Carpenter seinen 1981 erschienen Kinofilm „Die Klapperschlange“ nach Manhattan verlegt, das in seiner düsteren Zukunftsvision ein überdimensionaler Hochsicherheitstrakt ist, in den sich niemand freiwillig begibt.

Freunde schrieben mir in jener Zeit aus dem Urlaub und beklagten, dass sie ihr in der Nähe des Times Square zu findendes Hotel nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr verlassen könnten. Während die schillernde Lichterwelt des Platzes heute teilweise komfortabel mit Stühlen und Tischen ausgestattet ist, sich in den Abendstunden lange Schlangen an den Ticketschaltern der Theater bilden und alle Welt noch bis weit nach Mitternacht zumindest einen Stehplatz erkämpfen möchte, um voller Faszination auf die überdimensionalen Leuchtreklamen zu schauen, war der Times Square in jenen Zeiten des Niedergangs eine Brutstätte der Kriminalität. Bordelle, Straßenprostitution, Dealer, Gangs und eine eigene Welt zwielichtiger Gestalten sorgte dafür, dass selbst hartgesottene Touristen dem Ort nach Sonnenuntergang fernblieben. Fast jeder Bezirk wurde von einer anderen Gruppierung Krimineller für sich in Anspruch genommen, so wie der Central Park damals von verschiedenen Gangs in „Hoheitsgebiete“ aufgeteilt war. Von den Stadtvätern völlig vergessen, wuchs er zum Großstadtdschungel, in den sich bei Nacht kein Mensch bei klarem Verstand begab und auch tagsüber nur in sehr ausgewählten Bereichen Passanten, meist Jogger, sichtbar waren.

All das ist heute Geschichte und jeder kann sich hier wie in Berlin oder Hamburg mehr oder weniger frei und sicher bewegen. Die Mordrate hat mit der in ganz Deutschland gleichgezogen, was bei einem Zehntel der Einwohnerzahl viel klingt, verglichen mit den Siebzigern, als jeden Tag sieben und mehr Morde in den Polizeiprotokollen aufgenommen wurden, bezeichnen die Polizeibehörden diese Entwicklung geradezu als revolutionären Fortschritt und bieten ihre Sicherheitskonzepte und Erfahrungen mittlerweile anderen Großstädten als Dienstleistung an. Kein Wunder, denn jedes Jahr gibt einen neuen Rekord; so ist auch 2009 die Zahl der Straftaten noch einmal drastisch reduziert worden. Das ist weltweit beispiellos. Auch der Central Park hat endlich seine ihm einst zugedachte Rolle als grüne Oase in der Betonwüste eingenommen und bietet Familien, Spaziergängern, Sportlern, Inlineskatern, Verrückten jeder Coleur sowie Darstellern der verschiedensten Kunstrichtungen eine in aller Regel sichere Bühne, Ruhe und ein wenig Erholung, indem er das Tempo aus der Stadt für einen kurzen Moment herausnimmt.

Selbst der Papst hat hier Zehntausenden seinen Segen erteilt und jedes Jahr im November messen sich im Umfeld der grünen Lunge die Langstreckenläufer aus aller Welt beim legendären New York Marathon. Trotz dieser Glückseligkeit ist die Stadt natürlich nicht frei von Kriminalität. So vielfältig die Sprachen, die Farben, die Geräusche und das Warenangebot, so bunt ist auch das Kaleidoskop des Verbrechens. Keine noch so ekelerregende Abscheulichkeit, die hier nicht vorstellbar wäre. Wer sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält, kann sprichwörtlich vom Unglück getroffen werden, der New Yorker Ungesetzmäßigkeit folgend, tritt das Malheur in Form einer Kugel oder der Klinge eines Stiletts ans Tageslicht. Immer wieder hört und liest man von New-York-Reisenden, dass die Stadt absolut sicher sei. Das stimmt natürlich auf keinen Fall. Diejenigen, die es behaupten, haben nie ihren Fuß ins wahre „Gangsterparadies“ gesetzt – und das sollte auch kein Tourist wagen. Carpenters Vision blieb dennoch nur Kinorealität.

24 Stunden New York beweisen es. Für unsere Leser sind wir auf Entdeckungsreise gegangen, auf eine Abenteuertour, die natürlich die großen Attraktionen als Anlaufstelle hatte, aber auch jene abseitigen und abwegigen Pfade, die nun einmal charakteristisch für den Big Apple sind. Kaum mehr als 20 Dollar haben die weißen Eroberer den Indianern für Manhattan bezahlt. Eine höhere Rendite für einen Grundstückskauf ist wohl niemals zuvor oder später erzielt worden. Unser Hotel liegt direkt am Times Square und aus dem Zimmerfenster in der 24 Etage schauen wir gegen 5.00 Uhr morgens auf den fast menschenleeren Platz. Stadtbedienstete wienern akribisch die Stufen der noch recht neuen Tribüne, auf der die ganze Welt Platz nimmt, um sich vom Lichtermeer berauschen zu lassen. Einer reinigt mit dem Dampfstrahler die Statue des Militärseelsorgers Francis Patrick Duffy.

Mülltransporter laden die nicht mehr verwertbaren Reste des Vortages in großen schwarzen Säcken auf, Taxen stehen mehrreihig hinter- und nebeneinander vor den Ampelanlagen. Langsam strömt der neue Tag in das städtische Kapillarsystem. Die Stadt hat ausgeschlafen und wir auch. Also auf in den Großstadtdschungel – mehr davon in der nächsten g+h-Ausgabe.

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g+h 02/2010
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