Alles im rechen Licht

Elektrotechnik Speidel. Elektrotechnik und Automobilgeschichte wurden im Mercedes-Benz Museum in Einklang gebracht. g+h sprach mit Geschäftsführer Oswald Weikert und Projektleiter Siegfried Rucht über das Installationsvorhaben.

01. Juni 2007

Herr Weikert, Herr Rucht, wie ist Elektrotechnik Speidel überhaupt an den Installationsauftrag für das Museum gekommen?

Wir haben uns in der Aufschreibung gegenüber zahlreichreichen großen Unternehmen durchsetzen können; obwohl wir sicherlich einer der kleinsten Betriebe waren. Für uns war das auch ein Vertrauensbeweis, denn es ist nicht selbstverständlich, dass man bei einem Auftrag dieser Größenordnung einen Mittelständler beauftragt. Um so mehr haben wir uns gefreut, ein solch hochkarätiges Projekt mit unserem Know-how zu begleiten.

Wie groß war das Auftragsvolumen?

O. Weikert: Für uns war es mit einem Auftragsvolumen von rund 14 Millionen Euro der größte Einzelauftrag in der Firmengeschichte. Installiert wurde von Speidel der gesamte Stark- und Schwachstrombereich sowie die übrige Elektrotechnik einschließlich der Sonderbeleuchtung, auf die wir vielleicht noch zu sprechen kommen. Es gibt kaum etwas an Elektrotechnik, was nicht von unseren Mitarbeitern ausgeführt worden wäre. Ausnahmen sind die Bühnentechnik und die Schließsysteme (g+h berichtete darüber in Heft 1/07).

Gab es nach Abschluss der Installationsarbeiten Probleme? Sie sind ja bei Aufträgen dieser Art häufig vorprogrammiert.

O. Weikert: Nein, es hat keine Probleme gegeben. Der Auftraggeber war mit unserer Leistung zufrieden, und wir haben bereits Folgeaufträge erhalten. Aber ich gebe Ihnen Recht, normalerweise gibt es häufig Probleme bei Aufträgen dieser Größenordnung. Unsere Strategie ist es aber, ein hohes Maß an Kundenzufriedenheit zu schaffen. Wir leben vom Kunden und seinen Aufträgen. Unsere Chance als mittelständisches Unternehmen liegt in der Umsetzung einer hocheffizienten Kundenlösung, die oft über das hinaus geht, was unsere Wettbewerber bieten. So verfügen wir beispielsweise über einen eigenen Schaltschrankbau. Sämtliche hier im Museum installierten Schaltschränke wurden von uns selbst konstruiert, installiert und in Betrieb genommen. Und wir haben eine besonders effiziente Beleuchtungssteuerung realisiert. Darauf sind wir stolz.

Stammt auch die Planung aus Ihrem Hause?

O. Weikert: Die Konzeptplanung war durch ein vom Bauherrn beauftragtes Planungsbüro vorgegeben. Darauf basierend wurde von uns die Ausführungsplanung erstellt.

Hatten Sie eigentlich noch Möglichkeiten, Modifikationen der Planung vorzunehmen?

S. Rucht: Sicher, wir haben beispielsweise im Bereich der Beleuchtung Alternativvorschläge gemacht, die letztlich dem Bauherrn rund eine Million Euro gespart haben. Insgesamt wurden im Museum übrigens rund 18.000 Leuchten installiert.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Architekten?

S. Rucht: Die Bauleiter der Architekten waren hier vor Ort und haben uns ihre Wünsche in den Baubesprechungen vorgetragen. Dann haben wir, vor allem in der Beleuchtungstechnik, gemeinsam mit unseren Lieferanten Konzepte für deren Realisierung erarbeitet und später umgesetzt. Beim Beleuchtungskonzept hat uns hier besonders die Zusammenarbeit mit dem Leuchtenhersteller Semperlux geholfen, der eine ausgesprochen ästhetische und wirtschaftliche Beleuchtungsvariante zur Verfügung gestellt hat. O. Weikert: Wenn Sie überlegen, dass der Bereich Leuchten rund fünf Millionen Euro umfasste, und wir rund eine Million einsparen konnten, wissen Sie, was Herr Rucht mit „wirtschaftlicher Variante“ meint.

Welches System wurde für die Gebäudeleittechnik gewählt?

S. Rucht: Installiert wurde ein LON-Bus. Um die Bedienung so unkompliziert wie möglich zu gestalten, wurden in den einzelnen Etagen überall Touch-Panels installiert.

Gibt es weitere technische Highlights im Museumsbau?

S. Rucht: Interessant ist natürlich die von uns errichtete Niederspannungshauptverteilung. Im Gebäude wurden insgesamt sechs Trafos installiert, vier für AV und zwei für die Notstromversorgung. Via Stromschienen gehen wir dann nach oben, um die einzelnen Etagen mit Strom zu versorgen. Das große Highlight in diesem Museum ist übrigens die Entrauchungsanlage. Wenn Sie in der Ebene 0 stehen und nach oben schauen, können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, über die Höhe von 48 Metern einen Sog aufbauen zu müssen, der das Gebäude so schnell wie möglich entraucht. Ermöglicht wird das über einen gigantischen Ventilator im Obergeschoss. Der Ventilator hat eine Motorenleistung von 120 kW. Ich glaube, dass die hier installierte Anlage bislang einzigartig auf der Welt sein dürfte.

Die Entwicklung eines effizienten Beleuchtungskonzeptes bildete einen der Aufgabenschwerpunkte, wie Oswald Weikert und Siegfried Rucht erwähnten. Auf sie wollen wir hier noch einmal den Fokus lenken. Nicht aufwendige Lichteffekte, die den Besucher ablenken, waren gefragt, sondern eine attraktive Illumination der ungewöhnlichen Exponate. In die Hälfte der Ausstellungsräume dringt kein Tageslicht, bei den anderen musste das natürlich vorhandene Licht ins Beleuchtungskonzept eingebunden werden. Damit die Scheinwerfer mit der richtigen Helligkeit zielgenau ihr Licht werfen, sind diese per LON-Bus mit dem übergeordneten Leitsystem verbunden. Das Lichtdesign beruht auf den Ideen von Künstlern. Speidel hat dieses dann softwareseitig mit dem Prozessleitsystem in die Praxis umgesetzt. Das abgespeicherte Beleuchtungskonzept kann der Haustechniker auf einem Leitrechner an seinem Arbeitsplatz im Facility-Management überwachen. Hier laufen auch eventuelle Störungen ein, auf die er dann entsprechend reagieren kann. Als Visualisierungssystem wählte man die Software von Ecom Webfactory.

Generell werden die Leuchten zeitgeführt ein- oder ausgeschaltet. Muss aus bestimmten Gründen, beispielsweise wegen einer Sonderveranstaltung, das Licht länger eingeschaltet bleiben, wird einfach auf Eventbetrieb umgeschaltet. Dann kann der Haustechniker manuell einzelne Beleuchtungskreise schalten. Damit nicht versehentlich durch Fehlbedienung die aufwendig programmierten Beleuchtungskonzepte verlorengehen, regelt eine Rechtevergabe den Zugriff. Beim installierten Visualisierungssystem ersetzt ein PC mit einfachem Browser die Zentrale. Neben den üblichen Anforderungen an ein Visualisierungssystem ist die eingesetzte Lösung durch eine offene Architektur und den Einsatz von Web-Standards charakterisiert.

Darüber hinaus eröffnet eine webbasierte Visualisierung auch ganz neue Möglichkeiten. Bei Bedarf kann damit ein System so eingerichtet werden, dass ein Anwender aus vielen tausend Kilometern Entfernung über einen einfachen PC mit Browser Einblick in die momentane Situation der Anlage nehmen kann, so als wäre er direkt vor Ort. Sämtliche Betriebs- und Störmeldungen sowie die Produktionsdaten werden in der zugrunde liegenden Datenbank gespeichert. Über die Webserver-Funktionalität stehen diese Daten netzwerkweit zur Verfügung. Mit einer OPC-Schnittstelle ist das System eine effiziente Lösung, denn der Visualisierungssoftware ist es im Grunde egal, welcher Bus über den OPC-Server angeschlossen wird. Für die Software stehen Zusatzmodule zur Verfügung. Bei Bedarf kann das Ergänzungsmodul Inet-Pro gewählt werden, das eine sichere Kommunikation über das Internet gewährleistet. Es gestattet einen Remote-Zugriff mit bis zu 20 Clients. In der momentanen Ausführung läuft das System nur lokal im Museumsgebäude. Ein Zugriff zum Überwachen per Internet kann aber nachgerüstet werden. Die Systementwickler können dann per Internet auf den Leitrechner zugreifen. Das ist eine ideale Lösung für Serviceeinsätze.

In besonders kritischen Anwendungen sorgt das Redundancy Modul für Sicherheit, indem es zur Überwachung mehrere Einzelsysteme parallel schaltet. Mit Messenger Pro lässt sich die Verteilung von Betriebs- und Störmeldungen in beliebig vielen Ruflisten, Bereitschaftsplänen und Alarmierungstabellen verwalten. Zum schnellen Erstellen sicherer Wartungspläne technischer Anlagen eignet sich das Maintenance Modul. In internationalen Projekten erlaubt ein Sprachmodul allen Prozessbeteiligten einen orts- und zeitunabhängigen Zugriff in der eigenen Landessprache. Die Mobile Edition schließlich bringt Prozessinformationen aus aller Welt auf ein Mobile Device, beispielsweise einen PDA. Damit wäre es denkbar, die Visualisierungsanwendung im Museum so anzupassen, dass der Haustechniker das gesamte Gebäude nicht nur von seinem Arbeitsplatz aus überwacht, sondern von jeder beliebigen Stelle im Museum dafür sorgen kann, dass auch alles im rechten Licht ist.

Interessant ist, dass das Lizenzmodell der Software eine beliebige Anzahl von Bedien- und Abfrageterminals ohne Mehrkosten ermöglicht. Da keine Kosten für Runtime-Lizenzen anfallen, lässt sich auch eine kleine Lösung mit vier Datenpunkten realisieren. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass im Museum eine ausgesprochen wirtschaftliche und flexible Elektroinstallion realisiert wurde. Mit dazu beigetragen haben das Knowhow der Planer und die langjährige Erfahrung des Elektrofachbetriebs Speidel. Für die entsprechenden Rahmenbedingungen sorgte der anspruchsvolle Bauherr.

www.speidel.de

FOKUSSIERTDie Lichtlösung

Die von Ulrike Brandi entworfene Beleuchtung wechselt je nach Ausstellungscharakter zwischen großflächiger Architektur- und zielgerichteter Beleuchtung sowie dramatischen Einzelinszenierungen.

120 Leuchtentypen kamen zum Einsatz, die von der Semperlux AG geliefert und zum größten Teil nach Entwürfen des Architekturbüros UN Studios und der Lichtplanerin Ulrike Brandi konstruiert und gebaut wurden. So entstand eine Vielzahl von Licht-Baugruppen, die mehrere Leuchten zu gestalteten Elementen verschmelzen lässt. Diese sogenannte Sammlungsleuchte erinnert an ein Auge.

www.selux.de

WHO IS WHOAuszug aus der Technik

Mittelspannungsanlage/LON: Siemens

Stromschienen: Siemens

Kabelrinnen: OBO-Bettermann

Fußbodenelektranten Sonder-Edelstahl

IP 67: ELA

Beleuchtungsanlage Museum: Semperlux

Beleuchtungsanlage Verbindungsbau:

Zumtobel

Fluchttürsteuerung: Gretsch-Unitas BKS

BMA (Brandmeldeanlage): Siemens

Sprechanlage: Siedle

Zutrittskontrolle/Zeiterfassung: Bosch

Einbruchmeldeanlage: Bosch

Schalter und Steckdosen: Merten + Jung

Weitere Leuchtenhersteller: Iguzzini

Erschienen in Ausgabe: 03/2007