Würden Sie uns einmal die aktuellen Daten und Fakten des Unternehmens skizzieren?

Sehr gerne. Wir feiern gerade das 130-jährige Bestehen unseres Unternehmens. Stabila wurde 1889 gegründet und hat sich im Laufe seiner Geschichte kontinuierlich nach vorn entwickelt. Begonnen hat alles mit dem Zollstock; inzwischen sind wir als Spezialist für Messwerkzeuge zum Einmessen und Ausrichten am Bau bekannt, ganz gleich, ob es analog oder digital ist. Gerade in den letzten fünf Jahren hatten wir ein sehr starkes Umsatzwachstum zu verzeichnen und werden dieses Jahr konzernweit mit rund 550 Mitarbeitern einen Umsatz von über 70 Millionen Euro erzielen.

Was heißt Konzern?

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Konzern heißt die Stabila Messgeräte Gustav Ullrich GmbH hier in Annweiler, aber auch mehrere Tochterfirmen für Produktion und Vertrieb. Wir sind in mehr als 80 Ländern aktiv und dies bei steigender Tendenz. Im Grunde können Sie also rund um den Globus Stabila-Messwerkzeuge erwerben. Dabei ist unser Heimatmarkt Deutschland nach wie vor das stärkste Absatzgebiet. Dahinter folgen dann aber auch schon USA und Kanada. In Chicago haben wir 1997 unsere erste Vertriebstochter gegründet. Mit ihr bedienen wir den ganzen nordamerikanischen Markt. Stark aufgestellt sind wir auch in den anderen englischsprachigen Märkten Großbritannien, Australien und Neuseeland. Und selbstverständlich sind wir in Europa traditionell sehr gut positioniert. Dabei setzen wir, wo es der Markt hergibt, zunehmend auf eine eigene Vertriebsorganisation in den Märkten. Einen eigenen Vertrieb haben wir neben Deutschland und den USA u. a. in Italien, Frankreich, Österreich und Australien. Seit letztem Jahr sind wir zudem mit einer Vertriebsniederlassung in China vertreten, um von dort aus den asiatischen Markt weiter zu erschließen. In jenen Ländern, in denen wir mit keinem eigenen Vertrieb vertreten sind, arbeiten wir mit Partnern zusammen.

Wo produzieren Sie?

Hier in Annweiler produzieren wir alle Wasserwaagen und auch unsere hochwertigen Rotationslaser sowie alle elektronischen Messwerkzeuge. Seit den 90er-Jahren haben wir darüber hinaus eine Produktionsgesellschaft in Tschechien. Dort werden alle Holz-Gliedermaßstäbe hergestellt, die wir dann hier in Annweiler bedrucken. Außerdem unterhalten wir im Rahmen eines Joint Ventures eine Fabrik nahe Shanghai; an diesem Joint Venture halten wir die Mehrheit. Wir haben somit die volle Kontrolle über die Entwicklung und Qualität der dort gefertigten Linienlaser.

Auf welchen Märkten sehen Sie für Ihr Unternehmen die größten Wachstumspotenziale?

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In Deutschland haben wir eine sehr gute, in den USA und Kanada eine phänomenale Entwicklung. Die Amerikaner lieben hochwertige professionelle Werkzeuge, die Resonanz überwältigt uns immer wieder. Trotz bereits sehr guter Marktposition sehen wir hier auch für die Zukunft noch hohes Wachstumspotenzial. Wir sind aber auch mit den Wachstumsraten in Italien und Osteuropa sehr zufrieden. Vielversprechend entwickelt sich unsere Präsenz in China und unsere neue Vertriebstochter in Australien. Potenziale für uns gibt es aber auch in Ländern, die wir erstmalig angehen, wie aktuell z. B. Ägypten oder Marokko.

Worauf führen Sie die Wachstumsraten des Unternehmens zurück?

Unser Wachstum hat verschiedene Gründe. Zum einen treibt uns die aktuelle Baukonjunktur voran, andererseits sind es natürlich unsere Produkte, die sich durch vielfältige Qualitätsmerkmale „Made in Germany“ auszeichnen. Dass wir den allergrößten Teil unseres Sortiments und unser Kernprodukt Wasserwaage hier vor Ort mit Liebe zum Detail fertigen, ist nach wie vor ein wichtiges Verkaufsargument in vielen Ländern. Und nicht zuletzt kommt der Erfolg durch eine konsequente Ausrichtung des Marketings und Vertriebs auf die Bedürfnisse unserer Kunden, hier haben wir in den letzten Jahren massiv investiert und das zeichnet sich jetzt aus.

Welche Rolle spielt Social Media in Ihrem Marketing-Mix?

Wir haben uns in den letzten zwei Jahren intensiv mit Social Media beschäftigt und sind sehr aktiv auf Instagram. Zuvor hatten wir bereits einen Facebook-Kanal, den wir bis dahin aber nicht intensiv betreut hatten. Außerdem sind wir auch auf You-Tube vertreten, das Thema Bewegtbild wird zunehmend wichtiger. Zukünftig werden wir noch intensiver alle drei Kanäle bespielen, um hier – auch international – Anwender aller Altersklassen zu erreichen. Instagram ist für uns augenblicklich der Favorit, aber ein Großteil unserer Zielgruppe im Alter zwischen 30 und 65 ist nach wie vor auf Facebook unterwegs.

In Deutschland haben wir eine sehr gute, in den USA und Kanada eine phänomenale Entwicklung. Die Amerikaner lieben hochwertige professionelle Werkzeuge, die Resonanz überwältigt uns immer wieder.

Hierfür braucht es auch entsprechende Werbebudgets, da Sie auf Facebook ohne Werbung aufgrund der veränderten Algorithmen kaum noch Reichweite generieren. Außerdem gibt es im User-Verhalten Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. Instagram ist beispielsweise in Nordamerika sehr stark. Dort sprechen die Handwerker untereinander und mit den Herstellern viel intensiver über ihre Werkzeuge, als dies hierzulande – noch – der Fall ist. Das merken wir auch über die Reaktionen auf unseren Social-Media-Kanälen. Bei all unseren Maßnahmen legen wir übrigens weniger Wert auf Quantität, im Fokus stehen vielmehr Qualität und Interaktion. Das ist für uns ein spannendes Thema.

Welche Effekte hat Ihr Social-Media-Engagement für das Unternehmen?

Wir steigern unseren Bekanntheitsgrad, unsere Botschaften kommen direkt und ungefiltert bei unseren Anwendern an, und anders als in der klassischen „Einbahnstraßenkommunikation“ kommen wir in einen regen Austausch mit den Interessenten und Nutzern unserer Produkte. Und wir erreichen viel mehr Anwender als über Anwendermessen oder Baustellenbesuche, die dennoch ihren festen und wichtigen Platz bei uns haben. Spannend ist, dass uns immer mehr Nachrichten von Handwerkern aus der ganzen Welt erreichen. Für uns ist dies eine fantastische Möglichkeit, noch näher an unsere Anwender zu kommen, die Marke erlebbarer und nahbarer zu machen. Und wir lernen viel über die Bedürfnisse unserer Kunden.

Wie schaut die Eigentümerstruktur des Unternehmens aus?

Stabila ist ein hundertprozentiges Familienunternehmen. Die ersten 100 Jahre unserer Geschichte gab es drei geschäftsführende Gesellschafter, die letzten dreißig Jahre war kein Familienmitglied mehr im Management. Auf den Punkt gebracht hatten wir in 130 Jahren Unternehmensgeschichte nur sechs Geschäftsführer. Daran kann man sehr gut die hohe Kontinuität im Unternehmen ablesen. Die Familie ist natürlich noch im Beirat vertreten, in dem die großen Investitionsentscheidungen fallen.

Ansonsten hat das Management sehr viele Freiräume und die Familie lässt im Gegensatz zu Finanzinvestoren sehr viel Kapital im Unternehmen. Nicht zuletzt deshalb war es uns möglich, in den letzten Jahren viel Geld in den Ausbau unserer Produktionskapazitäten, die Logistik, eine moderne IT-Infrastruktur und in ein weltweites Marketing zu investieren.

Die Unternehmenskontinuität ist sichergestellt?

Ja, hier gibt es einen sehr guten Gesellschaftervertrag, der den langfristigen Bestand des Unternehmens in Familienbesitz sicherstellt.

Um noch einmal auf die Geschichte des Unternehmens zurückzukommen: Welches waren die großen Zäsuren und Meilensteine?

Wenn man die großen Meilensteine nimmt, dann war der größte natürlich die Erfindung des Federgelenks für Gelenkmaßstäbe, die der Erfinder, Gustav Ullrich, sich 1886 patentieren ließ. Handelte es sich bis zu diesem Zeitpunkt in der Praxis eher um eine instabile „Messschlange“, weil die Holzlättchen am Gelenk nicht eingerastet sind, konnte man jetzt in jeder Richtung bequem und zuverlässig den Zollstock anlegen. Schon 1889 wurde dann hier in Annweiler auf einem sehr großen Werksgelände die „Meterfabrik“ gegründet. Der nächste große Schritt war die Eintragung des Markennamens „Stabila“ im Jahr 1929. Stabila lässt sich in vielen Sprachen der Welt problemlos aussprechen und symbolisiert einen Teil unseres Werteversprechens, qualitativ hochwertige, präzise und stabile Werkzeuge zu produzieren. Leider konnten wir bis heute nicht herausfinden, wie es tatsächlich zu diesem Firmennamen gekommen ist. Deshalb sind wir auf Vermutungen angewiesen. Die nächste bedeutende und leider negative Zäsur erfolgte Ende des Zweiten Weltkriegs, als das Werk bei einem Bombenangriff stark beschädigt wurde. Dennoch ging es nach Kriegsende wieder rasch aufwärts, und den nächsten Meilenstein in der Unternehmensgeschichte bildete in den 50er-Jahren die Patentanmeldung für die Acrylglaslibelle; vorher wurden die Libellen aus Glas gefertigt und waren entsprechend empfindlich. Schließlich waren wir der erste deutsche Hersteller, der Wasserwaagen aus Aluminium herstellte. 1979 wurde dann das weltweit stabilste Libellen-Einbausystem erfunden und patentiert. Dieses ist, wenn es um dauerhafte Präzision geht, bis heute unübertroffen, denn bei unserem Verfahren werden die Libellen fest in einem mit dem Wasserwaagenprofil dauerhaft und unverrückbar verbundenen Libellenblock vergossen. Das kann man von außen nicht sehen, hat in der Praxis aber grandiose Vorteile. Wenn Ihnen unsere Wasserwaage herunterfällt, können Sie sicher sein, dass sie danach genauso präzise arbeitet wie vor dem Fall. Im Gegensatz zu Längenmessgeräten gibt es bei Wasserwaagen keine für alle Hersteller verbindliche Norm.

Stabila ist ein reines Familienunternehmen. Auf den Punkt gebracht hatten wir in 130 Jahren Unternehmensgeschichte nur sechs Geschäftsführer.

Die Werte unsere Wasserwaagen liegen ganz besonders innen, und unsere langjährigen Kunden wissen diese verborgenen Qualitäten zu schätzen. In den 90er-Jahren kam dann die Lasermesstechnik hinzu und 2010 eine spektakuläre Neuheit: das Elektronikmodul für die Wasserwaagen. Was zunächst nicht so spektakulär klingt, stellt für die Handwerker einen enormen Fortschritt dar.

Mit unseren beleuchteten, leicht ablesbaren Displays und akustischer Zielführung ermöglichen wird es dem Anwender, in jeder Situation, auch bei Dunkelheit oder Überkopfarbeiten, alles exakt und einfach messen zu können. Speziell in den USA und Kanada ist dies ein ganz großes Thema.

Was gibt den Impuls für Neu- und Weiterentwicklungen?

Die Impulse kommen direkt aus dem Markt. Unsere Entwicklungsingenieure und Produktmanager sind in einem sehr intensiven Austausch mit unseren Profianwendern. Mit unserem Applikationsmanagement haben wir Spezialisten, die mit den Handwerkern und dem Produktmanagement vernetzt sind. Zum Pool unserer beratenden Handwerker gehören nicht nur deutsche Anwender, wir holen uns Feedback aus allen für uns relevanten Märkten. Daraus ergeben sich immer wieder hochinteressante neue Produkte, wie aktuell unser elektronischer Winkelmesser Tech 700 Da. Unser Ziel ist es, dem Handwerker seine Arbeit weiter zu erleichtern. Und dieses Ziel lässt sich am einfachsten erreichen, wenn man in einem kontinuierlichen Dialog mit den Anwendern steht.

Wie lange dauert der Entwicklungsprozess in der Regel?

Mir als Vertriebsmanager dauert es immer zu lange, aber unsere Ingenieure sind Perfektionisten und möchten nur eine Lösung auf den Markt bringen, die zu 100 Prozent ihre Erwartungen und die unserer Kunden an dauerhafte Präzision, Robustheit und Gebrauchsnutzen erfüllt. Um Ihre Frage abschließend zu beantworten: Der Entwicklungsprozess kann von einem bis zu mehreren Jahren dauern.

Wie schaut Ihre Kundenstruktur in Deutschland aus?

Unsere Kunden sind Handwerker nahezu aller Gewerke am Bau, also das Bauhaupt- und Baunebengewerbe. Überall, wo gemessen wird, können Stabila-Produkte eingesetzt werden. Vertrieben werden unsere Produkte vornehmlich über den Werkzeugfachhandel sowie den Baustoff- und Baugerätehandel. Wichtig ist für uns, dass wir mit Handelspartnern zusammenarbeiten, deren Kundschaft eine Profiausrichtung hat.

In diesem Jahr haben wir übrigens erstmals zwei Geräte für die Industrie vorgestellt; dabei handelt es sich um elektronische Neigungsmesser, die im Anlagenbau, in der Produktion und in der Fertigung eingesetzt werden. Diese Neigungsmesser sind absolute High-End-Produkte, die z. B. Veränderungen in Produktionsanlagen auch über Langzeitmessungen dokumentieren und übertragen. Durch diesen weiteren Produktbereich erschließen wir uns neue Zielgruppen.

Herr Binder, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen.