Dicke Luft in der Proletenklasse

Glosse

Die Tiefflieger der Kundenunzufriedenheit sind heute unter den Airlines zu finden. Die Ware Mensch wird zur lästigen Fracht in den immer enger werdenden Thrombosebombern.

30. Mai 2012

Mein Großvater, der ein weiser Mann war, mahnte uns immer zur Wachsamkeit, wenn jemand versprach, stets alles für die Zufriedenheit seiner Kunden zu tun. Offensichtlich war Kundenzufriedenheit schon immer ein Thema. Einigen Zeitgenossen wird es irgendwann aus den Ohren herausgehangen haben.

Sie konnten und wollten nichts mehr von Kundenzufriedenheit wissen. Frei nach Charles Darwin, dass nicht die besten sondern nur die ihrer Umgebung am besten angepassten Zeitgenossen überleben, konnte sich so auf breiter Front ein „Freikorps“ etablieren, dass nicht müde wird, sich immer wieder etwas noch attraktiveres einfallen zu lassen, um seine Kunden zu demoralisieren. Da wären zunächst die Fluggesellschaften, die nicht davor zurückschrecken, jede Körpergröße zwischen ihre durchgesessen Schemel zu zwängen, nur um ihre Thrombosebomber mit der größtmöglichen Menschenfracht zu befüllen. Damit diese sich, einmal zwischen dem Gestühl verklemmt, nicht auch noch übergeben, wird auf den Bordservice weitgehend verzichtet. Diese diätische Maßnahme kann durchaus als Marketinginstrument betrachtet werden. Halten die Airlines ihr Null-Service-Angebot lange genug aufrecht, können sie, weil die Klientel - zumindest die Vielflieger - nachhaltig ausgehungert wird, jedes Jahr eine weitere Schemelreihe hinzufügen. Dass diese demnächst noch mit einer Bettpfanne ausgestattet sein wird, versteht sich fast von selbst, denn die Latrine wird in die Business-Class eingereiht werden. Dort geht es zwar nicht ganz so eng zu wie in der Pöbelklasse, doch auch hier rückt man, während sich in manch anderen Lebensbereichen die Reihen lichten, in Zeiten der kommenden großen Wirtschaftkrise enger zusammen.

Apropos enger zusammenrücken; besonders nahe kommt man sich ja bereits beim Einlauf (ich glaube man redet in der Fachsprache auch vom Tscheckin oder so), denn dort kann man oft stundenlange Vorfreude genießen, wenn das Onleinmonster nicht funktioniert und weit und breit kein Mitarbeiter der Proletenairline aufzutreiben ist, weil diese (nicht die Airline sondern die Mitarbeiter) sozusagen für vogelfrei erklärt wurden. Dies alles zusammengenommen sorgt für dicke Luft. Nicht nur durch intensiven Gebrauch der Bettpfanne, sondern vornehmlich durch die Drosselung der Klimaanlage. Hier greift man, um Schadensersatzprozessen vorzubeugen, auf neueste medizinische Erkenntnisse zurück und senkt die Frischluftzufuhr - nicht bis zur Bewusstlosigkeit der Flugpatienten, sondern nur bis zur gerade noch amtsärztlich vertretbaren Grenze.

Forscher haben nämlich herausgefunden, dass dies einen gerade euphorischen Zustand hervorruft, der sonst nur während der üblichen Vorgänge der Arterhaltung auftritt. Ich glaube, das ist mit ein Grund für die weitere Zunahme der Passagierzahlen. Wenn der Flug nach Ibiza bei gleicher oder noch besserer Qualität günstiger ist als jeder Bordellbesuch, kann tatsächlich nur fliegen schöner sein; weg von der Bordstein-, hin zur Flugsteigschwalbe oder so ähnlich.

Erschienen in Ausgabe: 04/2012