Hager

Die Elektrobranche wird der Gewinner

Die Kooperation des Elektrounternehmens mit Audi eröffnet nicht nur ein neues Kapitel der Geschichte Hagers, sondern der gesamten Branche. g+h sprach mit Torsten Schulz, Geschäftsführer der Hager Vertriebsgesellschaft und Jacob Schambye, Senior Vice President Region Europe, über die Hintergründe.

11. März 2019
Die Elektrobranche wird der Gewinner
(© g+h)

Wie ist die Hager-Gruppe aktuell national und international aufgestellt?

J. Schambye: Die Hager-Gruppe ist ein global tätiges Familienunternehmen, das seine Wurzeln in Deutschland und Frankreich hat. Wir decken den gesamten Weltmarkt ab – mit Verkaufsniederlassungen, mehr als zwanzig eigenen Produktionsstätten und auch Partnern. Europa ist nach wie vor der bedeutendste Markt für unsere Geschäftsfelder. Die Unternehmensstrategie zielt ganz klar darauf ab, das internationale Geschäft kontinuierlich weiter auszubauen. Wir schaffen elektrotechnische Lösungen und Systeme für Gebäude; dieses Geschäft ist einerseits lokal, entwickelt sich aber immer stärker zu einem globalen Markt, an dem wir teilhaben werden. Die Globalisierung ist also sehr wichtig für Hager, ohne dass wir dabei unsere Wurzeln verlieren.

Welches sind international die attraktivsten Märkte für Hager?

J. Schambye: Zu den bedeutendsten Märkten zählen neben Deutschland und Frankreich – sie sind ja die Heimatländer des Unternehmens – Großbritannien, die Niederlande, Italien und die Schweiz. Wir haben also viele Möglichkeiten, uns weitere Märkte im Zuge der Digitalisierung zu erschließen.

T. Schulz: Deutschland ist schon aus der Unternehmensgeschichte heraus seit fast 65 Jahren immer noch ein überaus bedeutender Markt für uns. Mit unseren Standorten in Blieskastel, Heltersberg und Ottfingen sind wir hier sehr gut aufgestellt. Die Unternehmensentwicklung ist seit zehn Jahren außerordentlich positiv; nicht zuletzt aufgrund der anhaltenden Baukonjunktur. In Deutschland sind wir mit mehreren Vertriebsorganisationen am Start: Efen, hoch spezialisiert auf den Bereich Schaltgeräte in Richtung Schaltanlagenbau und Energieversorger, die Organisation Daitem für Alarmanlagen, E3/DC als Energiespeicher-Hersteller und die Hager Vertriebsgesellschaft mit den Marken Hager, Berker und Elcom für die Elektroinfrastruktur und die Gebäudesteuerung im Hochbau.

Wächst Hager stärker national oder international?

T. Schulz: Deutschland entwickelt sich nachhaltig und gut über dem Branchendurchschnitt. Außerhalb von Deutschland wächst Hager stärker, vor allem in Großbritannien, Ost- und Nordeuropa. Hier wachsen wir über dem europäischen und auch dem deutschen Schnitt.

Sie erwähnen Großbritannien als starken Wachstumsmarkt. Beeinflusst der Brexit Ihre Strategien?

J. Schambye: Da wir in Großbritannien mit eigener Produktion und Verkaufsorganisation etabliert sind, beeinflusst uns der Brexit nicht direkt. Aber weil wir natürlich auch die in anderen Ländern hergestellten Hager-Produkte nach Großbritannien exportieren, beschäftigen wir uns intensiv mit den verschiedenen Szenarien, die möglich sind, um darauf bestens vorbereitet zu sein. Was exakt passieren wird, ist nur schwer vorauszusagen.

Der Markt in Großbritannien, wie auch unsere anderen Märkte, wird augenblicklich vor allem durch die Trends der Urbanisierung und Digitalisierung getrieben. Die Notwendigkeit, noch effizientere Gebäude zu erstellen, den Komfort und die Sicherheit in ihnen zu erhöhen – vom Einfamilienhaus bis zum kommerziellen Bau –, ist ein starker Trend. Das stimmt uns insgesamt optimistisch. Und last, but not least können sich unsere Kunden in Großbritannien darauf verlassen, dass sie auch nach einem Brexit von uns zuverlässig beliefert werden.

Spielt China in Ihren Kernmärkten mittlerweile eine Rolle, und wie sehen Sie seine Position in der Elektrotechnik in Zukunft?

J. Schambye: Zunächst einmal produzieren wir selbst in China, und das Land ist ein strategisch sehr bedeutender Markt für uns. Als Wettbewerber sehen wir China zumindest im Augenblick für uns in Europa weniger, auch wenn die Chinesen in Europa sehr viel investieren.

»Der aktuelle Digitalisierungstrend, in dem das Energiemanagement eine maßgebliche Rolle spielt, wird der gesamten Branche eine erfolgreiche Zukunft bescheren.«

— Torsten Schulz (links) und Jacob Schambye

T. Schulz: Man muss in diesem Zusammenhang auch festhalten, dass der Hype hier mittlerweile überschritten scheint und die Kaufintensität abgenommen hat. China ist aber ein guter Katalysator für uns. Durch die Notwendigkeit, die großen chinesischen Metropolen mit E-Fahrzeugen zu versorgen, wächst der Druck auf die deutsche Automobilindustrie, im Bereich der E-Mobilität mehr Engagement zu zeigen. Und dies beschleunigt für die Elektroindustrie die Marktentwicklung für die Installation einer entsprechenden Infrastruktur vor Ort. Das tut Deutschland sicherlich gut. In China sind mittlerweile vier Prozent aller Neuzulassungen E-Mobile, in Deutschland sind es 0,8 Prozent; in Norwegen ist jedes zweite neu zugelassene Fahrzeug ein E-Mobil. Vor allem die Entlastung der Großstädte und Ballungszentren von Schadstoffen wird meiner Meinung nach nur mit E-Mobilitätslösungen zu erreichen sein.

Glauben Sie, dass sich die deutsche Automobilindustrie hinreichend um das Thema kümmert?

Ja, das sieht man gerade jetzt sehr deutlich. Wir haben beispielsweise eine Kooperation mit Audi zum Thema Lademanagement. Hier haben wir gemeinsam mit dem Automobilhersteller eine Ladeinfrastruktur entwickelt, die gerade auf dem Markt eingeführt wird. Der Audi E-Tron wird jetzt auf den Markt kommen, und gemeinsam mit Audi werden wir unser Konzept auf der Eltefa in Stuttgart präsentieren.

Welches war der Impuls für diese Kooperation?

Ich denke, dass der Fahrer eines E-Mobils mehr fordert als lediglich das Fahrzeug. Für ihn ist vor allem die Ladeinfrastruktur wichtig. Natürlich kann man ein E-Mobil innerhalb von 24 Stunden daheim laden; will man aber eine Schnellladung, muss die Elektroanlage den neuen Anforderungen angepasst werden und das Zusammenspiel zwischen Fahrzeug und Gebäude reibungslos funktionieren. Dies möchten wir gemeinsam mit Audi erreichen. Hier wird es in den kommenden Jahren sicherlich weitere hochinteressante Entwicklungen geben. Entscheidend wird natürlich auch die Entwicklung im Bereich Ökostrom sein. Das Hausenergiemanagementsystem „Flow“ sehen wir im Zählerbereich und damit in unserer Technikzentrale positioniert. Die Ladestation tritt aus unserer Sicht in diesem Zusammenhang immer mehr in den Hintergrund; es geht vielmehr um die Steuerung und Speicherung von Energie.

Im Augenblick wartet der Markt auf eine Antwort, wer die Hoheit über das Energiemanagement bekommt; passiert das bei Hager, im SHK-Bereich oder bei den Energieversorgern? Alle Parteien haben ein großes Interesse an diesem Thema. Und in diesem Wettbewerb möchten wir mit unseren Lösungen die Nase vorn haben.

In welcher Form binden Sie Ihre Kunden aus dem Elektrohandwerk in diese Aktivitäten ein?

Worüber wir gerade sprechen, das ist Elektrohandwerk pur. Deshalb bilden wir aktuell sogenannte HEMS-Profis aus, die diese Technologie- und Softwareskills besitzen, oder wir trainieren sie entsprechend. Sie sind für Hager und Audi die Fachpartner, wenn es um die 22-kW-Ladung geht. Der Elektrohandwerker ist also in jeder Beziehung an der Installation und der Wertschöpfungskette beteiligt.

»Auch nach einem Brexit können sich unsere Kunden in Großbritannien darauf verlassen, von uns zuverlässig beliefert zu werden.«

— Jacob Schambye

Wie kann ein Familienunternehmen dieser Größe sich gegenüber den Konzernen behaupten?

T. Schulz: Wir sind als Spezialist ausschließlich im Sektor Elektrotechnik im Hochbau bis zum 500-V-Bereich vertreten und grenzen uns allein dadurch von den großen Playern, die ja ihre Schwerpunkte unter anderem im Automatisierungsbereich und anderen Märkten haben, deutlich ab. Diese haben wiederum auch keine mit Hager vergleichbare Nähe zu unseren Kunden. Die persönliche Betreuung durch unsere Außendienstmannschaft und durch die Teams in den elf Technischer-Service-Centern macht hier den großen Unterschied. Deshalb können wir uns als Familienunternehmen sehr gut in diesem Markt weiterentwickeln und behaupten. Und selbstverständlich spielt unsere hohe Innovationskraft eine maßgebliche Rolle in diesem Kontext – kurze Entscheidungswege und rasches Reagieren – wie es Konzerne nur selten können.

Das Smart Home und die Digitalisierung sind in aller Munde und beide Themen scheinen die gesamte Branche weit über die nächsten Jahre hinaus zu prägen. Welche Strategie verfolgt Hager?

T. Schulz: Das Energiemanagement erlebt für uns gerade die stärkste Entwicklung. Beim Smart Home geht es aktuell um IoT-Interfaces und die Weiterentwicklung des KNX-Systems als Vernetzungsbasis für den Bauherrn.

J. Schambye: Offenen Systemen gehört die Zukunft. Unsere Lösungen müssen mit anderen Systemen und Lösungen kommunizieren können, daran arbeiten wir sehr intensiv. In einem Gebäude sind bereits heute viele unterschiedliche Systeme installiert und aktiv. Unsere Aufgabe ist es, dem Elektrohandwerk Produkte und Systeme zu bieten, die möglichst einfach und effizient mit anderen kommunizieren können, denn die Vielfalt der Applikationen und Steuerungen wird weiter zunehmen.

Hinzu kommt, dass der Endkunde, also der Bauherr, sehr stark an diesen Themen interessiert ist. Sicherheit, Energiemanagement und E-Mobilität sind Bereiche, die seinen Alltag berühren. Deshalb geht es für Hager darum, die Systeme möglichst einfach in der Bedienung und sicher im Betrieb zu gestalten. Diese Forderungen kommen heute immer häufiger, was früher anders war.

T. Schulz: Ein wichtiges Thema wird neben dem Energiemanagement das Thema Sicherheit werden. Im Fokus werden dabei Zutrittskontrollsysteme stehen, wobei alte Technologien in allen Bereichen des intelligenten Gebäudes teilweise abgelöst werden; dazu zähle ich viele drahtgebundene Systeme. Auch hier ist es unsere Aufgabe und Strategie, Lösungen zu entwickeln. Erfreulich ist, dass die gesamte Branche an den während unseres Gesprächs zitierten Entwicklungen partizipieren wird. Wenn alles digitalisiert und elektrisch wird, ist das für Elektrohandwerk und Elektroindustrie sehr positiv. Wenn jetzt sogar die Automobilindustrie das Elektrohandwerk einbindet, zeigt dies, dass unsere Branche in Zukunft noch wichtiger wird, wenn es um die aktuellen technischen Entwicklungen geht. Auf jeden Fall werden Elektrohandwerk und -industrie die Gewinner der Gesamtentwicklung in den kommenden Jahren und darüber hinaus sein.

Herr Schambye, Sie sind seit einem halben Jahr im Unternehmen. Würden Sie uns etwas über sich und Ihre ersten Erfahrungen mit Hager erzählen?

Gern, ich bin in Dänemark geboren und habe während meines Berufslebens immer in international tätigen Unternehmen – unter anderem im Consulting – gearbeitet. Schwerpunktmäßig habe ich mich den Bereichen Verkauf, Marketing und Produktmanagement gewidmet. Dann habe ich viele Jahre für Velux gearbeitet und dort den gesamten europäischen Markt als Chef des Sales-Marketing für Europa betreut. Und seit nunmehr sechs Monaten bin ich im Familienunternehmen Hager engagiert. Was mich von Anfang an begeistert hat, ist die Tatsache, dass man in diesem Unternehmen eine ambitionierte Agenda für die Zukunft des Unternehmens aufgestellt hat und diese auch konsequent verfolgt. Es ist ein Geschenk, in einem Familienunternehmen zu arbeiten. Im Vergleich zu Großunternehmen gibt es hier vorrangig die langfristigen Interessen einer Unternehmerfamilie, die nicht in kurzfristigen Aktionärszyklen denkt und auch nicht so handelt.

Meine Herren, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen.

Von rational über persönlich bis emotional

Das g+h-Kurzporträt nach Stichworten und Fragen.

Europa

J.S. Meine Heimat, mein Arbeitsplatz.

T.S. In gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht eine Lebensversicherung.

Politik

J.S. Demokratie ist am wichtigsten.

T.S. Aktuell mit zu vielen Eigeninteressen beschäftigt.

Donald Trump

J.S. Am wichtigsten ist es, dass die Menschen sich untereinander verstehen. Dieses Miteinander steht hinter dem Agieren von Präsidenten.

T.S. Herausfordernd und hoffentlich nur mittelfristig.

Zukunft

J.S. Wird langfristig immer besser, die gute alte Zeit gibt es nicht.

T.S. Wird elektrisch bestimmt.

Familie

J.S. Am wichtigsten.

T.S. Ist die Basis für alles.

Hobbys

J.S. Sport und Lesen.

T.S. Kaum Zeit dafür.

Ihr letztes Buch?

J.S. Die offizielle Biografie Margaret Thatchers.

T.S. Jeder stirbt für sich allein.

Ihr letztes Urlaubsziel?

J.S. Teneriffa.

T.S. Lissabon.

Welche Erfindung schätzen Sie am meisten?

J.S. Die Dampfmaschine.

T.S. Das iPhone.

Auf welche Erfindung könnten Sie gut und gern verzichten?

J.S. Kurzlebige Plastik-Konsumgüter.

T.S. Das iPhone.

Sie haben die Freiheit durch die Zeit zu reisen, welche Epoche würden Sie als Ziel wählen?

J.S. Einhundert Jahre in die Zukunft.

T.S. Ich bin froh, in der Gegenwart zu leben.

Welche Person der Vergangenheit bewundern Sie am meisten?

J.S. Winston Churchill.

T.S. Albert Schweitzer.

Und der Gegenwart?

J.S. Die aktuellen Top-Fußballtrainer, deren Führungskraft mich beeindruckt.

T.S. Angela Merkel.

Gibt es eine Person in der Geschichte, in deren Rolle Sie gern geschlüpft wären?

J.S. Leonardo da Vinci.

T.S. Franz Liszt.

Ihre Lebensphilosophie?

J.S. Etwas tun, das gut für die Gesellschaft ist, und allen meinen Aktivitäten mit Leidenschaft nachgehen.

T.S. Das Leben zu genießen und dafür zu sorgen, dass wir eine möglichst intakte Welt an die nachfolgenden Generationen übergeben.

Sie haben drei Wünsche für die Zukunft frei …

J.S. Den Frieden zu erhalten, den Klimawandel zu managen, glücklich und gesund mit der Familie zu leben.

T.S. Dass die vielen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten zu einer demokratischen und verantwortungsbewussten Gesellschaft führen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit unserer Umwelt. Und natürlich Gesundheit.

Erschienen in Ausgabe: 02/2019