Die Melodie des Lichtes

Licht - Technik

Light Identity. - Gabriele Allendorf zählt zu den profiliertesten und bekanntesten Lichtplanern der Bundesrepublik. Ihr Büro für Corporate Light and Architecture ist eine der ersten Adressen, wenn es um kreative und nachhaltig wirksame Lichtkonzeptionen im Innen- und Außenbereich geht.

26. August 2013

Das 6-köpfige Team aus erfahrenen Lichtdesignern um Gabriele Allendorf plant und realisiert seit 1997 Tages- und Kunstlichtkonzepte auf dem neuesten Stand der Technik. Die Unabhängigkeit von Herstellern war und ist bis heute eines der wesentlichen Kriterien für optimale Planungsleistungen, denn „jedes Projekt, jede Architektur setzt sich aus so vielen individuellen Komponenten zusammen, dass man sich nicht von vornherein auf das Produkt-Portfolio von fünf oder sechs Herstellern reduzieren kann“, so die Diplom-Ingenieurin und Innenarchitektin. Bei den Planungsgesprächen mit potenziellen Auftraggebern spielen die sozio-kulturellen Eckdaten der Architektur eine wesentliche Rolle. Aus ihnen heraus nämlich entwickelt Gabriele Allendorf das übergeordnete Leitmotiv ihrer Planung, die Melodie sozusagen, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Projekt zieht. Zur Verdeutlichung dieser Melodie setzt die Planerin bevorzugt die Mittel der Bildsprache ein. Das Optimum liegt für sie erst dann vor, wenn das Zusammenspiel verschiedener Faktoren sowohl emotionaler als auch funktionaler Art nicht weiter verbessert werden kann.

„Ein optimales Beleuchtungskonzept ist wie eine Symphonie aus verschiedenen Sätzen. Es spielt das Orchester ohne Solist, auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt. Eine tragende Rolle aber übernehmen die Solisten nie. Was bei der Symphonie die Sätze, sind bei der Lichtplanung ökologische Aspekte wie etwa Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Emissionsvermeidung, aber auch ökonomische Faktoren wie Wirtschaftlichkeit, Kostensicherheit, Terminsicherheit und Produktqualität. Als Planer ist man also eine Art Dirigent, der all diese Facetten des Lichtes zu einem einmaligen Opus zusammenführt“, so Allendorf.

Der Vergleich mit der Musik und dem Theater kommt nicht von ungefähr, denn hier legte die Planerin vor vielen Jahren den Grundstein für ihre spätere Arbeit. „Insbesondere beim Theater lässt sich mit dem gezielten Einsatz von Licht Profanes zur Magie erheben. Schauspieler, Kostüme, Bühnenarchitektur, Bühnendekoration – Licht kann diese Elemente inszenieren und derart dramatisieren, das sich gewaltige Emotionen auslösen.“ Es entsteht ein „Bühnenwerk“ mit unverwechselbarer Identität, der Gabriele Allendorf „Light Identity“.

Bei ihren Planungen wird der Grad der Identität aber sorgsam abgewogen. Denn Licht kann Architektur auch überinszenieren und ihr damit ihren eigenen Charakter nehmen. Dass dieses Credo bei Bauherren, Architekten und auch bei privaten Auftraggebern auf viel Zuspruch stößt, zeigen die zahlreichen Projekte und Planungsbereiche des Büro-Teams. Wohn- und Bürokomplexe gehören dazu, öffentliche und repräsentative Gebäude teils historischen Ursprungs , sakrale Bauten wie Kirchen und das Limburger „Diözesane Zentrum St. Nikolaus“, dazu Museen, Brücken und öffentliche Plätze. Auf der Klientenliste finden sich aber auch private Bauherren, die ihre Häuser und Villen samt Außenanlagen planen lassen. „Ab einer bestimmten Bausumme, spielt das Licht eine zunehmende Rolle“, so die Planerin.

„Es schafft emotionale Mehrwerte wie Freude und Glück, funktionale Mehrwerte wie Sicherheit und längere Nutzbarkeit der Außenanlagen, übernimmt aber auch repräsentative Funktionen. Licht ist ein Imagefaktor, auch im Privatbereich.“ Bei vielen Planungen spielen die Aspekte Gesundheit und Wohlbefinden eine wichtige Rolle, denn Licht steuert den Tagesrhythmus und ist mitverantwortlich für Aktivität, Unternehmungslust, Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit. Eine ganzheitliche Planung berücksichtigt von daher auch das Zusammenspiel von natürlichem und künstlichem Licht, von Lichtlenkung und Lichtsteuerung, von Lichtautonomie.

„Bei unseren Planungen stellen wir stets den Menschen und sein direktes Umfeld in den Mittelpunkt. Fragen zur Beleuchtungsstärke, Lichtfarbe, Umgebungstemperatur, zum natürlichen Licht und auch Fragen zur individuellen Steuerung und Dimmung sind zentraler Art“, erklärt Gabriele Allendorf. Bei ihren Projekten spielt auch das Thema LED eine wichtige, aber nicht alleinige Rolle. Die Vorteile der LED-Technik gegenüber der konventionellen Technik – Senkung der Energiekosten, geringerer CO2-Ausstoß, längere Lebensdauer, weniger Wartung etc. - sind zwar nicht von der Hand zu weisen und greifen insbesondere in der Außenbeleuchtung, bei Shops, Hotels und Museen, aber die Lampen- und Lichttechnik ist so vielseitig, dass man sich nicht auf die reine LED-Technik konzentrieren möchte.

„Das Ziel definiert den Einsatz der Mittel“, meint Gabriele Allendorf, „und wenn es notwendig ist, dann sind Kombinationen verschiedener Techniken in einem Projekt ratsam. Die Gesamtbilanz zählt, die Geige muss nicht immer die erste Rolle spielen.“ Dennoch begeistern sie die Möglichkeiten der LED-Technik, kreative Lichtgestaltung und den behutsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen unter einen Hut bringen zu können, wie etwa bei der Beleuchtung des neubarocken Westend Palais, dem Gebäude der ehemaligen Oberpostdirektion in Frankfurt, bei dem unter anderem 20-Millimeter-LED-Profilleuchten eingesetzt wurden.

„Die jährlichen Energiekosten für dieses Beleuchtungsprojekt liegen jetzt nur noch bei etwa 900 Euro. Das sind enorme Einsparungen gegenüber der vorherigen Installation, und das Erscheinungsbild dieser ehrwürdigen Fassade war nie schöner.“ Zum Beginn der Revitalisierung und Neupositionierung wurde der Fassade durch Licht Leben und Identität eingehaucht. Die Tiefenschichtungen der Fassade wurden durch das Lichtkonzept in den Abend- und Nachtstunden räumlich und plastisch erlebbar. So durchschreitet man das Portal, vorbei an den begleitenden Säulen, die durch Hinterleuchtung kräftig herausgearbeitet sind. Durch den zart erhellten Laibungsbogen wird man in das Foyer geleitet.

Das Tagbild, mit der Betonung des Mittelrisalits, setzt sich in den Nachtstunden konsequent fort: die vorderste Ebene, die Baluster der Balkone, wird von schmalen LED-Linien plastisch herausgearbeitet. Die dahinter liegenden Halbsäulen werden seitlich mit Licht abschattiert. Die zart auslaufenden Lichtzungen auf dem Tonnengewölbe stellen eine Allegorie zu den Balustern und Figuren dar, die sich bei historischen Gebäuden wie feine Spitzen in den Himmel erheben.

Weitere Projekte haben schnell zum guten Ruf des Planungsbüros beigetragen. So etwa die St. Magdalena Kirche in Otto-brunn bei München. Die Sanierung der Kirche bedeutete, sich auf das ursprüngliche Konzept einer Hallenkirche zurückzubesinnen. Alles, was an Ausschmückungen und Einbauten vorgenommen worden war, sollte zurückgebaut werden. Diese grundsätzliche Haltung ermöglichte es, eine integrierte Lichtplanung zu verwirklichen, die keine abgependelten Leuchten vorsieht, sondern die große Geste des Hallenraums bewahrt und somit einen freien Blick auf den Altar ermöglicht.

Die Beleuchtung im großen Kirchenraum bezieht sich auf die unterschiedlichen liturgischen Bedürfnisse. Beginnend beim Altarraum können je nach Andachtsgröße die beleuchteten Flächen erweitert werden bis hin zur Empore, die vom Chor besetzt ist. Eingangsbereich und Seitenaltar werden über indirektes Licht erhellt. Das Licht kann zu Andachten und Meditationen zu einem Minimum gedimmt werden. Maria, Ikone und Wandmosaik werden mit einem Lichthinweis bedacht und erscheinen stärker in ihrer Dreidimensionalität. Für alle Lichtszenarien steht ein selbsterklärendes Tableau in der Sakristei zur Verfügung. Programmiert wurden an die 20 Lichtszenarien von der täglichen Morgenandacht über spezielle Lichtstimmungen an Festen wie Weihnachten und Ostern oder beim Festtagsgottesdienst , die per Knopfdruck abgerufen werden können. Auch die „Pariser Höfe“ in Stuttgart ein Wohn- und Bürokomplex im neuen Europaviertel tragen die Handschrift Gabriele Allendorfs. Um die Passanten auf die Eingangssituation aufmerksam zu machen, setzte sie auf Bewegung und Licht.

Wie eine Seifenblase verformt und von einem Windhauch in den Innenhof getrieben, entstehen die Körper der Lichtstelen. Ein schlankes, leuchtendes und sich drehendes Rechteck, welches dem Fußgänger den Weg weist hinein in den Hof zum Haupteingang.

Alle Leuchtkörper in dieser Reihe bewegen sich wie ein Mobile im Wind. Sie sorgen für ein Licht- und Schattenspiel und eine aktive Beschäftigung des Betrachters mit dem Licht. Die hohen Arkaden an der Frontseite des Bürogebäudes werden mit modernen Lüstern erhellt. Aus minimalistischem Design und einer professionellen Lichtführung wird eine Leuchte, welche die Form der Lichtstelen im Innenhof aufnimmt und das Thema des klassischen Lüsters modern interpretiert. Das Spiel mit dem Rechteck setzt sich auch im Foyer des Gebäudes fort. Die Stelen und Lüster sowie die Leuchten im Foyer wurden von Gabriele Allendorf speziell für das Projekt entworfen und geben dem Ensemble eine unverwechselbare Identität – eine Light Identity.

Ganz anders zeigt sich das Konzept für die Universität „Mozarteum“ in Salzburg. Die Umstrukturierung des Areals öffnet den Gebäudekomplex zur Stadt hin. Die städtebauliche Einbindung des Mozarteums wird mit Hilfe des Lichts unterstrichen. Schon von Weitem erweckt der leuchtende Kubus des Neubaus Aufmerksamkeit. Er bildet zusammen mit dem historischen Gebäude einen als Foyer gestalteten Innenhof. Schimmernde Lichtlinien aus den Fensterlaibungen des Altbaus begleiten den Konzertbesucher zum Haupteingang. Lichtschleusen flankieren den Besucher beim Durchschreiten der Doppelflügeltüren. Dort wird er von modular schaltbaren Lichtinseln auf die Konzerte eingestimmt.

Der Neubau in Salzburg öffnet sich mit seiner großen Glasfläche, unterstrichen durch die integrative Beleuchtung, als zweiseitige Bühne: Es entsteht ein von innen und außen betrachtbarer Bühnenprospekt.

Die Bühne hat Gabriele Allendorf nie ganz abgelegt. Wenn sie nicht gerade plant, präsentiert oder an Wettbewerben teilnimmt, stellt sie Künstlerinnen und Künstlern zu dem Thema „Licht in Skulpturen“ ihren „Light Store“ für wechselnde Ausstellungen und Auftritte regelmäßig zur Verfügung oder widmet sich ihrer persönlichen Leidenschaft – dem Entwurf von Lichtkunstobjekten.

Erschienen in Ausgabe: 05/2013