Digitale Chancen nutzen

Technik

Kopp. - Das 90-jährige Unternehmen ist international vernetzt und breit aufgestellt. Im Interview erläutert der Vorsitzende der Geschäftsführung Stephan Dörrschuck, wie technologische Entwicklungen die Elektrobranche beeinflussen und welche Trends sich in den nächsten Jahren durchsetzen.

19. Juni 2017
Bild 1: Digitale Chancen nutzen
Bild 1: Digitale Chancen nutzen

Herr Dörrschuck, Heinrich Kopp feiert dieses Jahr sein 90-jähriges Jubiläum. Mit welchen Produkten fing alles an, und wo steht Kopp heute?

Gegründet wurde das Unternehmen 1927 im Hessischen Reinheim. Damals war Kopp eine kleine Spezialfabrik, die unter anderem einfache Schalter und Transformatoren für Klingeln produzierte und exportierte. Mittlerweile bieten wir umfängliche Lösungen im Elektroinstallations- und Personenschutzbereich an, inklusive eines breiten Zubehörprogramms. Neben der eigenen Entwicklung und Fertigung dieser Produktsegmente sowie der Vermarktung der mittlerweile über 7.000 Artikel umfassenden Sortimente haben wir unsere logistische Aufgabe in den Mittelpunkt unseres Unternehmens gebracht. Mit Produktkompetenz auf der einen Seite, bezüglich Sortimentstiefe und Qualität, sowie der Category-Competence auf der anderen Seite ist unsere Expertise für den professionellen und den Einzelhandelsmarkt gleichermaßen groß.

Mit welchen Werten und Überzeugungen positionieren Sie sich heute am Markt?

Wir wollen begeistern durch eine herausragende Qualität, durch ein ausgezeichnetes Preis-/Leistungsangebot und durch Service, den wir kundenspezifisch anbieten können. Wir sind kein Konzern und haben auch unsere Strukturen so flach wie möglich gestaltet. Schnelle, effiziente Wege, den Kunden im Mittelpunkt – so verstehen und sehen wir uns. Nach einigen Jahren ohne größere Bewegungen haben wir mittlerweile eine Reihe von Veränderungen vorgenommen, um Werte pflegen zu können und neue Ziele ins Auge zu fassen.

Welche der Veränderungen der letzten Jahre waren besonders prägend für Kopp?

Es gibt eine Reihe von prägenden Entwicklungen in letzter Zeit. In diesem Zusammenhang muss ich insbesondere die für uns wichtige Phase der Gesellschafterfindung nennen. Das war mit Abstand die wichtigste Veränderung der jüngeren Vergangenheit, aber auch die erfreulichste. Mit der Zugehörigkeit zu einem etablierten, international agierenden Industriekonzern aus der Elektrotechnik wie der Alfanar Group hat sich für uns eine hervorragende Gelegenheit aufgetan, das Produktportfolio weiterzuentwickeln und in unseren Kernmärkten nachhaltiges Wachstum zu generieren. Außerdem haben wir den Standort in Kahl am Main gestärkt, wie zum Beispiel das betriebliche Gesundheitsmanagement weiter ausgebaut, Weiterbildungskonzepte gestartet und die aktive Unterstützung der Strahlemann-Stiftung zur Förderung der besseren Vernetzung von ausbildenden Betrieben und Schulen intensiviert. Den Bereich Ausbildung von unterschiedlichsten Berufszweigen haben wir wieder in unsere strategische Ausrichtung aufgenommen, um auch mittel- und langfristig mit Spitzenkräften am Markt zu bestehen.

Gab es auch Rückschläge?

Auch wir mussten immer wieder negative Einschläge verkraften. In den Jahren 2014 bis 2016 hat der Ausfall von zwei großen Vertriebspartnern erheblichen Einfluss auf unsere Entwicklung genommen. Jeder Rückschlag bietet aber auch immer eine Chance zur Neuorientierung. Ich kann mit Stolz behaupten, dass wir stärker und fitter denn je aus diesen Prüfungen hervorgegangen sind. Mit Sicherheit ist auch das ein Grund dafür, dass wir mit Alfanar einen starken und verlässlichen Gesellschafter gefunden haben.

Das erste Quartal des Jahres 2017 ist bereits abgeschlossen. Wie zufrieden sind Sie mit dem Geschäftsverlauf?

Wir sind im Großen und Ganzen unseren Zielen ein Stück näher gekommen. Zufrieden sind wir jedoch noch nicht, auch wenn die Welle der Bauwirtschaft auch für unser Unternehmen ein wichtiger Wachstumsmotor bleibt.

Außerdem bieten Sie mittlerweile auch Produkte an, die auf individuelle Kundenwünsche zugeschnitten sind. Gibt es hier neue Ziele und Herausforderungen?

Seit Kopp die Entwicklung, Konstruktion und große Teile der Fertigung der Produkte wieder in eigene Hände nimmt – in Deutschland oder auch in Tunesien – ist das Thema kundenspezifische Lösungen immer wichtiger geworden. Die Herausforderung in diesem Bereich sehen wir in der Zeit, die es braucht, um die sogenannte „time to market“ zu verkürzen und trotzdem Kundenwünsche zu 100 Prozent zu erfüllen. Äußerst flexible Prozesse und Lösungen für Losgröße 1 bei der Individualisierung sind hier notwendig. Nicht zu vergessen die Verfügbarkeit der notwendigen Ressourcen in der Forschung und Entwicklung, um gerade diese Wünsche zu detaillieren und zu entwickeln. Ich denke, wir haben hier in den letzten beiden Jahren einen großen Schritt nach vorn gemacht und diesen Bereich mittlerweile als eigenständigen Vertriebsbereich etabliert.

Welche Märkte sind für Kopp außerdem relevant?

Die Säulen Installationsprodukte für Elektroinstallateure, Industrielösungen und OEM stützen das Geschäft von Kopp. Sicherlich haben wir daneben einige Segmente, die nennenswert sind. Im Bereich der Automotiv-Komponenten und der E-Mobility haben wir einige Erfahrungen beim Schutz von Batterien und Fahrzeug sammeln können. Nach wie vor liefern wir für namhafte deutsche Hersteller von E-Fahrzeugen und Hybriden das Herz des Ladeschutzmoduls. Darüber hinaus haben wir uns jedoch in den genannten Säulen entwickelt. Wir haben für Kunden aus der Industrie maßgeschneiderte Lösungen geschaffen und arbeiten permanent an der sinnvollen Erweiterung unserer Produktpalette mit Artikeln, die einen definitiven Mehrwert für den Anwender haben. Für Installateure haben wir ein über-aus attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis für unsere Systeme realisiert, das uns zu einer wirtschaftlich sinnvollen Alternative macht. Außerdem ist der Bereich Einzelhandel in jeglicher Ausprägung eine starke Stütze des Unternehmens. Unsere Kompetenz in der POS-Gestaltung, Artikelpräsentation und Logistik haben uns hier zum attraktiven Partner gemacht.

Planen Sie, weitere Märkte zu erschließen?

Für uns sind alle Märkte interessant, denen wir mit unserem Angebot einen nachweislichen Nutzen bieten können. Die notwendige Technologie setzt hier geografisch gewisse Grenzen. Branchenspezifisch werden wir sicher bis auf Weiteres das Elektroinstallationsgewerbe sowie alle damit verbundenen Gewerke und Industrien in den Fokus rücken. Ein Beispiel hierzu ist die Kooperation mit ASA Plastici, deren Produkte unsere Kompetenz von Strom am Tisch deutlich steigert.

Welche Zielgruppen möchte Kopp verstärkt ansprechen?

Wir sprechen mit unserem Angebot alle relevanten Entscheidungsträger im Umfeld der Elektroinstallation an. Angefangen an der ausschreibenden Stelle, dem Eigentümer beziehungsweise Bauherren bis hin zum Installateur, der unseres Erachtens eine herausragende Rolle einnimmt. Gerade die Themen Digitalisierung und Vernetzung sind eine große Chance für das Handwerk. Betriebe, die sich in diesem Bereich weiterbilden, werden von dieser Entwicklung definitiv profitieren. Das wollen wir unterstützen. Mit unseren Smart-Home-Produkten ermöglichen wir dem Fachhandwerk einen einfachen Einstieg in das Thema. HK NX-connect zum Beispiel entspricht dem KNX-Standard, kann aber ohne Programmierung mit einem einfachen Schraubendreher in Betrieb genommen werden. Darüber hinaus wollen wir mit unseren neuen Produkten Kunden in der Möbel- und Küchenindustrie und dem dazugehörigen Großhandel gewinnen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Welche Probleme entstehen durch die Digitalisierung?

Hersteller, Handel und Handwerk müssen sich stärker positionieren als noch vor 20 Jahren. Dank des Internets kann sich der Verbraucher einen Informationsvorsprung erarbeiten. Das stellt nicht nur den Handwerker vor ganz neue Herausforderungen. Heute wird erwartet, dass technische Daten und Produktinformationen ausführlich, aktuell und in hoher Qualität verfügbar sind. Hier besteht die Herausforderung vor allem darin, Handel, Handwerk und Endkunden einheitliche Informationen zur Verfügung zu stellen. Trotzdem wird der Kunde auch in Zukunft nicht an einem Fachmann für die Installation vorbeikommen. Die Kompetenz bleibt also weiter in der Hand des Elektrohandwerks.

 

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf der Produktebene aus? Welche Key-Produkte schicken Sie 2017 ins Rennen?

Das Jahr 2017 ist kein Jahr des Produktes, sondern vielmehr ein Jahr der Veränderungen. Der Megatrend Smart Home hat die Branche erfasst und wird meines Erachtens wie eine Flutwelle grundlegende Veränderungen herbeiführen. Dabei stehen wir technologisch erst am Anfang. Vernetzte Devices werden zur Basis neuer Netzwerke, Konsumgewohnheiten und Dienstleistungen. Deshalb sehe ich in diesem Umfeld das Produkt des Jahres 2017. Ob es das Kopp Gateway ist, das die Nutzung von funkgesteuerten Anwendungen erlaubt, oder der Funkschalter aus dem Free-Control-Sortiment, der es ermöglicht, auch an entfernten Stellen im Haus ein Bedienelement der traditionellen Art zu installieren, will ich gar nicht sagen.

Welche Rolle nimmt Kopp als Hersteller in diesem Marktumfeld ein?

Wichtig ist vor allem, dass wir den Megatrend Smart Home aktiv mitgestalten. Dabei zielen unsere Produkte ganz klar auf ein breites Anwendungsfeld ab. Wir bieten offene Systeme an, die mit den Produkten anderer Hersteller kombiniert werden können. Von proprietären Technologien halten wir bei Kopp nicht viel. Wir wollen mit unseren Produkten keinen Binnenmarkt schaffen, sondern das Haus oder Heim so „smart“ wie möglich machen. In diesem Umfeld wird auch das Thema Smart Metering, welches letztendlich die Basis für Energieeffizient ist, eine wichtige Rolle spielen.

Das Thema Smart Home nimmt gerade erst Fahrt auf. Wie sehen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage der Elektrobranche?

Ich denke, ich berichte nichts Neues, wenn der derzeitige Ausblick der Elektrobranche überaus optimistisch ist. Alleine dem Bereich Home Automation werden Potenziale in einer Größenordnung von zig Milliarden Euro zugetraut. Ebenfalls positiv sehe ich die Öffnung der Märkte durch eine zunehmende Transparenz in den Vertriebswegen. Hatte gestern der stationäre Groß- und Einzelhandel die Fäden sicher in der Hand, boomen heute die Onlineshops – auch in der Elektrobranche. Die Vorauswahl des Großhandels fällt hier zweifelsfrei den logistischen Möglichkeiten zum Opfer. Für Unternehmen wie Kopp ergeben sich dadurch Chancen, die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen und unsere Produkte allen Kundenkreisen direkt vorstellen und vermarkten zu können.

Welchen neuen Produkten und Kooperationen fiebern Sie entgegen?

Es gibt eine Reihe von Produkten, die wir gerne noch in unser Portfolio aufnehmen wollen. Aktuell arbeiten wir an Neuheiten für die nächste Saison, die wir so bald wie möglich vorstellen werden. Jetzt kann ich nur so viel sagen: Es geht um das Produktsegment Schalter und Steckdosen und um eine bahnbrechende Neuerung im Bereich mobiler Personenschutz. In diesem Jahr werden wir außerdem noch ein Paket im Bereich Smart Home und speziell die Produktfamilie Free-Control vorstellen mit einem integrierten Gateway, weiterentwickelten Komponenten aus dem bekannten Free-Control-Sortiment sowie einigen ergänzenden Features. Dieses Paket wird jedes Haus definitiv ein bisschen „smarter“ machen. Sicherlich eine richtungsweisende Neuerung. In Sachen Kooperation sind wir offen für Neues und freuen uns auf die nächsten Monate.

Vielen Dank für das interessante Gespräch, Herr Dörrschuck.

Erschienen in Ausgabe: 04/2017