Ein Gebäude entsteht, Teil I

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Dial. - GSD steht für Gebäude-System-Design und bedeutet, dass im Vorfeld einer Baumaßnahme die Bedürfnisse von Bauherrn und Nutzern systematisch abgefragt und erfasst werden. Der gerade entstehende Dial-Neubau wurde konsequent entsprechend dieser Philosophie geplant.

05. November 2012

Das Raumprogramm des Neubaus umfasst neben Büros für bis zu 100 Mitarbeiter auch mehrere Seminar- und Laborräume. Außerdem ist ein Cateringbereich integriert worden. Die gesamte Bausumme wurde auf 4,5 Millionen Euro netto festgelegt. Da die Baumaßnahme für Dial die größte bisher getätigte Einzelinvestition darstellt, wurde ein Planungsteam zusammengestellt, das die gesamte Realisierung des Neubaus verantwortet. Als Projektleiter wurde der stellvertretende Geschäftsführer, Andreas Bossow, benannt. Zum Projektstart standen zwei Ziele im Vordergrund: Der Entwurf der Architektur und der Start des GSD-Prozesses. Beide Themenbereiche konnten von den Beteiligten bearbeitet werden, da die Qualifikation des Planungsteams einen Architekten, einen Innenarchitekten und zwei Ingenieure umfasst. Bei anderen Konstellationen kommen hier typischerweise der Architekt und ein Gebäude-System-Designer zum Einsatz.

Der GSD-Prozess beginnt mit dem Abarbeiten eines Fragenkatalogs. Hier werden die Bedürfnisse und Wünsche der Bauherrenschaft ermittelt und dann auf konkrete Gebäudetechnik adaptiert. Was sich hier so einfach anhört, ist in der Praxis jedoch eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, die gestalterische, technologische und wirtschaftliche Kompetenzen erfordert. Leitgedanke des Fragenkatalogs ist hierbei die maslowsche Bedürfnistheorie, die auf die technischen Gewerke angewendet wird.

Der Psychologe Abraham Maslow teilte menschliche Bedürfnisse grob in fünf Stufen ein: physiologische Bedürfnisse, Bedürfnisse nach Sicherheit, Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Liebe, Bedürfnisse nach Achtung und Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung. Die fünf Kategorien der menschlichen Bedürfnisse sind laut Maslow hierarchisch geordnet: Sobald die unterste Ebene der Bedürfnisse befriedigt wird, treten Bedürfnisse der nächsthöheren Ebene in den Vordergrund und steuern Erleben und Verhalten des Menschen. So ist ein Mensch, der hungern muss, auf einer niedrigen Bedürfnisebene frustriert. Sein Verhalten wird eher darauf abzielen, sich Nahrung zu verschaffen, als – um sich selbst zu verwirklichen – Gedichte zu schreiben. Ein Mensch, der sich existenziell bedroht fühlt (Ebene der Sicherheitsbedürfnisse), denkt weniger über die Achtung nach, die andere ihm entgegenbringen, als es sonst der Fall wäre.

So werden die meisten Menschen wohl bei einem Wohnungsbrand trotz der Peinlichkeit nackt auf die Straße rennen, wenn sie sich damit retten können. Nun handelt es sich hier um drastische Beispiele, die in dieser Dringlichkeit in unserer Kultur eher selten sind. Aber auch für das alltägliche Leben geht Maslow davon aus, dass die Bedürfnisse niedrigerer Ebenen das menschliche Verhalten solange steuern, bis sie befriedigt werden.

Dann erst kommen die Bedürfnisse der jeweils nächsthöheren Ebene zum Zug. Die unteren Stufen der Hierarchie sind laut Maslow Mangelbedürfnisse: wenn etwas Wichtiges wie zum Beispiel Wärme fehlt, wird ein Bedürfnis danach geweckt. Dieses Bedürfnis motiviert die Person zu einem Verhalten, das ihr Wärme verschafft: Heizung aufdrehen, Jacke holen, bewegen, etwas Heißes trinken. Für welches Verhalten sich die Person entscheidet, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab: Was ist verfügbar? Welche Möglichkeiten sind mir bekannt? Welche verheißen den meisten Erfolg? Und was kann ich tun, ohne mit meiner Umgebung in Konflikt zu kommen?

Die Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung sind dagegen Wachstumsbedürfnisse. Sie sind nicht durch eine definierte Menge an Selbstverwirklichung zu befriedigen, wie das Frieren durch Wärme, sondern zielen – wenn aktiviert – auf ständige Weiter- und Höherentwicklung des Menschen. Die positive Erfahrung, seine Fähigkeiten auszuleben und zu verbessern, lässt den Wunsch immer stärker werden, dies erneut zu tun. Die Befriedigung von Mangelbedürfnissen bringt dagegen Entspannung mit sich, aber keine gerichtete Veränderung des Menschen. Nach der Auswertung und Übertragung des Fragenkatalogs auf die konkrete Gebäudetechnik durch das Dial-Planungsteam ergab sich zunächst für die Grundbedürfnisse folgendes Konzept:

Licht. Hier wären die normativen Anforderungen ausreichend, zum Beispiel 500 Lux am Arbeitsplatz. Zusätzliche Prestigebedürfnisse und gesundheitliche Aspekte durch Licht haben folgendes Lichtkonzept hervorgebracht:

Bodentiefe Fenster und ein verglastes Atrium lassen viel natürliches Licht in die Räume. Die Bürobeleuchtung hat vier Lichtkomponenten:

+ Indirektes Licht: dimmbar, es wird ein sonniger Tag simuliert (morgens niedrige Beleuchtungsstärke, mittags hohe und abends wieder niedrige), automatisch gesteuert.

+ Direktes Licht: Akzentbeleuchtung (Sonnenstrahlen) auf die Wände gerichtet.

+ Effektbeleuchtung: Wandscheibenflutung farblich durchstimmbar.

+ Raffstore: Blendungsbegrenzung, automatisch und individuell steuerbar.

Luft. Installiert wird eine zentrale Luft-/Abluftanlage mit 2-fachem Luftwechsel und Luftfilterung. Eine hocheffiziente Wärmerückgewinnung sorgt für geringe Energiekosten. Darüber hinaus sind die Fenster zu öffnen, was den Mitarbeitern sehr wichtig ist.

Lärmschutz. Es wurde ein akustisches Gutachten erstellt. Daraufhin wurden bestimmte Bereiche, wie das Atrium und die Seminarräume, mit diversen lärmdämmenden Maßnahmen ausgestattet.

Temperatur. Der Passivhausstandard wurde anvisiert, konnte aber wegen des engen Kostenrahmens nicht durchgängig umgesetzt werden. Realisiert wurde aber ein gutes A/V-Verhältnis (Quaderform), eine gute Wärmedämmung (30 cm WLG 35) vollumfassend, Verglasung mit U-Wert von 1,0. Eine thermische Simulation ergab unter Berücksichtigung der inneren Wärmelasten einen fast durchgehenden Kühlbedarf. Die Entscheidung fiel auf zwei umschaltbare (heizen/kühlen) Luft/Luft-Wärmepumpen pro Etage. Deren Energie wird direkt wieder in die Zuluft eingekoppelt. Die Temperatureinstellung in den Räumen erfolgt dann über die Regelung der Luftmenge im Heiz- und Kühlbetrieb.

Die nächste Ausgabe der g+h befasst sich ausführlich mit der Umsetzung der oben beschriebenen Bedürfnisse nach Sicherheit, sozialen Beziehungen, sozialer Anerkennung und Selbstverwirklung im Dial-Neubau.

Gebäude-System-Design

Die Theorie des Gebäude-System-Designs lässt sich 1:1 in die Praxis umsetzen und führt in der konkreten Anwendung zu Ergebnissen, die unter architektonischen, technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten als optimal einzustufen sind. Die Hinzuziehung eines Gebäude-System-Designers wird leider noch nicht ausreichend realisiert, sodass die heutigen gebäudetechnischen Lösungen in der Regel suboptimal ausfallen.

Weiter steigende Energiepreise und ein Überangebot an minderwertigen und deshalb schlecht vermarktbaren Flächen werden hier zu einem raschen Umdenken führen. Dem integrativen Planungs- und Bauprozess, unter Einbeziehung der Gebäude-System-Design-Idee, gehört die Zukunft.

Erschienen in Ausgabe: 07/2012