Herr Bemba, Sie sind als Vorsitzender der Geschäftsführung neu im Unternehmen, würden Sie uns zum Einstieg des Interviews etwas über Ihren Werdegang verraten?

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Martin Bemba: Sehr gern, ich bin seit mehr als 30 Jahren in der Sicherheitsbranche tätig, war einige Zeit als Stipendiat in Dublin, habe dann Elektrotechnik in Deutschland studiert und bin über ein weiteres Stipendium für eineinhalb Jahre nach Maine in die USA gegangen. Nach Abschluss meines Studiums arbeitete ich als Entwicklungsingenieur für Sicherheitstechnik. In diesem Tätigkeitsfeld bin ich auch Inhaber mehrerer Patente für sicherheitstechnische Anlagen. Es folgten vier Berufsjahre in Florida, bis ich 2003 zurück nach Deutschland kam. Jetzt habe ich mich entschieden, meinen Lebensmittelpunkt von Köln nach Augsburg zu verlegen. Abus als Familienunternehmen reizt mich sehr und die Firmenkultur, die ich hier bislang erleben konnte, hat meinen Entschluss bekräftigt.

Können Sie nach so kurzer Zeit im Unternehmen bereits ein strategisches Ziel formulieren?

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Martin Bemba: Ein klares strategisches Ziel heißt profitables Wachstum, das einerseits im Inland, aber verstärkt auch international realisiert werden soll. Dabei wird die Ausweitung der Geschäftstätigkeit auf den gewerblichen Sektor eine ebenso große Rolle spielen – wie die Integration von Systemen und Gewerken. Der Kunde möchte heute sämtliche digitalen Systeme möglichst an einem zentralen Ort zusammenfassen, und dies trotzt der komplexen Technik bei möglichst einfacher Bedienung.

Der Key-Nutzen für den Kunden liegt in der Gebäudedigitalisierung darin, dass er die Informationen zugeschnitten auf seine Bedürfnisse auf jedem beliebigen Gerät an jedem beliebigen Ort zur Verfügung gestellt bekommt. Deshalb ist es so entscheidend, in einem Gebäude die implementierten Systeme an einem zentralen Ort kontrollieren und überwachen zu können. Dafür sind einfach zu bedienende Programme und Apps erforderlich. Das Stichwort heißt hier User Experience, die weit über die Produkte hinaus geht. User Experience ist für mich auch die Erfahrung, die man mit einem Unternehmen macht.

Diese Aussagen passen ja perfekt zu einem weiteren, von Abus jüngst bezogenen Firmengebäude, in dem ein multidisziplinäres Team ausschließlich an digitaler Gebäudetechnologie arbeitet. Was verbirgt sich dahinter, und welche Strategien verfolgen Sie im Digitalbereich?

Martin Bemba: Wir treten mit der Zielsetzung an, durch Vernetzung und digitale Technologien, wie intelligente Algorithmen, klare Kundenwerte zu schaffen.

Welche sind das?

Ulrich Kastner-Jung: Es geht um drei Kernziele. Erstens möchten wir mithilfe digitaler Technologien die Sicherheit noch einmal deutlich steigern. Die Systeme sollen in Alarmsituationen noch präziser arbeiten, Menschen rascher warnen, um Zeit zu gewinnen, und Einbrecher noch früher von ihrem Vorhaben abzubringen. Das zweite Kernziel ist, komplexe Sicherheitssysteme in der Installation und vor allem in der Bedienung zu vereinfachen. Letztlich kann dies sogar auf ein vollautomatisches System hinauslaufen. Und als dritten Punkt möchten wir das Thema Sicherheit neu denken und umfassender definieren. Die Sicherheit, die wir heute um den Bereich Einbruchschutz konzentrieren, würden wir beispielsweise mit verwenden können, um auf Hausbewohner, deren Kinder oder ältere Menschen aufzupassen. So können etwa Stürze im Haushalt sofort erkannt werden und der hinterlegte Algorithmus sorgt automatisch dafür, dass Hilfe kommt. Wir möchten also die heute vorhandenen Sicherheitslösungen nachhaltig erweitern und aufwerten.

Wir treten mit der Zielsetzung an, durch Vernetzung und digitale Technologien wie intelligente Algorithmen klare Kundenwerte zu schaffen.

— Martin Bemba

Seit wann verfolgen Sie diesen ganzheitlichen digitalen Ansatz im Unternehmen?

Ulrich Kastner-Jung: Um unserem Anspruch in der Realität gerecht zu werden, bedurfte es im Vorfeld eines ausgeprägten multidisziplinären Ansatzes, bei dem viele Technologieexperten an einem Tisch saßen und immer noch sitzen. Apps, Cloudlösungen, Hardware, IoT, Vernetzung, das sind dabei die Herausforderungen.

Auf Basis eines sehr stabilen Produktumfelds entwickeln wir uns gemeinsam mit unseren Kunden marktgefordert weiter. Alle Verbesserungen in unseren Produkten haben wir mit Kunden gemeinsam gestaltet. Mit der Digitalität schaffen wir eine neue Qualität und auch einen neuen Zweig in der Wertschöpfungskette. Dabei geht es uns immer um die Praktikabilität. Wir betreiben unsere Digitalstrategien – wie bereits erwähnt – niemals als Selbstzweck. IP-Kameras sind schon immer digital, Alarmanlagen und Zutrittskontrolle sind es heute auch. Durch die intelligente Vernetzung gelingt es uns schon heute, einen Mehrwert für den Kunden zu generieren. Künftig sind noch intelligentere Systeme denkbar. Eine zukünftige Alarmanlage könnte bei sensorischer Auslösung noch einen kaum bemerkbaren Moment warten und bei einer intelligenten Kamera anfragen, was dort gerade zu sehen ist. Wurde zum Beispiel ein durch eine Lichtschranke gesicherter Bereich durch einen Fußball aus dem Nachbargrundstück aktiviert, würde die Kamera einen Fehlalarm verhindern, da Objekt und Bewegungsprofil eindeutig erkannt und als ungefährlich eingestuft wurden.

Wie gehen Sie mit diesen Daten um?

Ulrich Kastner-Jung: Die Daten gehören ausschließlich dem Kunden und verbleiben beim Kunden. Natürlich können die Daten freigegeben werden – aber im Falle einer Freigabe entscheidet allein und gezielt der Nutzer. Die Datensouveränität unserer Kunden ist für uns ein hohes Gut. Datenschutz, Datensicherheit, Datensouveränität, Schutz vor Cyberkriminalität: Das sind für uns zentrale Themen, die über den gesamten Lebenszyklus unserer Systemlösungen relevant sind.

Das Problem solch komplexer Technik ist häufig ihre Bedienbarkeit. Wie lösen Sie es?

Ulrich Kastner-Jung: Sie sprechen hier ein ausgesprochen wichtiges Thema an. Je komplexer die Technik, desto bedeutender ist die Simplifizierung der Bedienung. Wenn wir beispielsweise an die Integration von Smart Home in eine Sicherheitslösung denken, dann wünscht sich der Kunde ein System mit bereits eingebauten unterstützenden Szenarien bis hin zur Möglichkeit, dass das System gemeinsam mit dem Nutzer weiter lernt. Und dies ist auch der Ansatz, den wir verfolgen.

Wo sehen Sie Ihren Markt?

Ulrich Kastner-Jung: Mithilfe der Integration von Alarm, Video und Zutrittskontrolle und weiterer Vernetzung mit Home- bzw. Building-Automation-Systemen, und insgesamt unterstützt durch vereinfachte Bedienung sowie hilfreiche Abläufe, werden wir in unseren Stammmärkten weiter wachsen. Es hat sich in der jüngsten Vergangenheit bestätigt, dass Sicherheitstechnik der Treiber smarter Gebäudelösungen ist. Und wir haben den Vorteil, dass wir nicht nur im Alarmsegment, sondern auch in den Bereichen Videoüberwachung und Zutrittskontrolle über fundiertes Know-how verfügen.

Daneben adressieren unsere künftigen Sicherheitslösungen auch weitere Wachstumsmärkte. Ein bedeutendes Marktsegment betrifft die persönliche Sicherheit zu Hause – „Senior Care“, um ein Stichwort zu nennen. Ein weiteres Segment könnten Abwesenheitsdienstleistungen sein – neben einer gesicherten Paketabgabe zu Hause, verspricht die intelligente Absicherung von Ladengeschäften großes Potenzial. Durch neue Absicherungslösungen könnte Ware auch außerhalb der Rush-Hour geliefert und eventuell sogar aufgefüllt werden. So lassen sich Kosten senken und die Ware lässt sich insgesamt zuverlässiger und schneller anliefern.

Ihr Geschäft ist primär ein Neubaugeschäft?

Ulrich Kastner-Jung: Das Neubaugeschäft boomt und unsere sehr erfolgreiche Secvest-Alarmanlage wird in diesen Tagen durch ein auch für das Neubaugeschäft interessantes Hybrid-Modul erweitert. Ab jetzt können unsere Kunden alle Vorteile der Kombination Funk- und Drahtanbindung nutzen. So können z. B. Fensterinstallationen im Neubau, die heute bereits mit integrierten Öffnungskontakten versehen sind, geschickt mit dem neuen Hybridmodul der Secvest verbunden werden.

Mit neuen Features, die per Software nachgeladen werden können, machen wir unsere Sicherheitslösungen auch nach der Installation immer wertvoller.

— Ulrich Kastner-Jung

Der Hauptvorteil der Secvest ist jedoch ihr weltweit einzigartiger mechatronischer Einbruchschutz, der mechanischen Schutz mit elektronischer Alarmierung verbindet. Tätern gelingt es hier in der Regel nicht, überhaupt ins Gebäudeinnere einzudringen: Wenn sie merken, dass sich ihnen über 1 Tonne mechanischer Widerstand entgegenstemmen und die Alarmanlage sie entdeckt hat, brechen sie ihren Einbruchversuch ab und ergreifen die Flucht. Selbstverständlich ist die Secvest aufgrund ihrer hohen Sicherheitsstandards auch in das staatliche Einbruchschutzförderprogramm aufgenommen worden und voll förderfähig. Endkunden können hier bis zu 1.500 Euro ihrer Investition vom Staat zurückerhalten.

Wie binden Sie Ihre Kunden in Ihre Digitalstrategien mit ein?

Ulrich Kastner-Jung: Der Kunde bzw. die unterschiedlichen Kundenwünsche stehen bei Abus immer im Zentrum aller unternehmerischen Entscheidungen. Ein Beispiel ist schon die Frage „Cloud, ja oder nein?“ Nicht jeder Kunde möchte eine Cloudlösung, sodass unsere Technologien in der Lage sein werden, auch daheim effizient und autark zu arbeiten. Cloudlösungen bieten wertvolle Möglichkeiten für unsere Kunden und können dabei zuverlässig gesichert werden. Allerdings gilt auch hier: Die Datenhoheit – und damit die Entscheidung, ob ein Cloudangebot mit all seinen erweiterten Vorteilen gewünscht wird oder nicht – obliegt ausschließlich unseren Kunden.

Die enge Zusammenarbeit mit unseren Kunden ist uns enorm wichtig und in höchstem Maße wertvoll. Ich bin jedes Mal begeistert, wie sich unsere Kunden an der Entwicklung unserer Systeme beteiligen und dabei viel Neues entsteht – genauso wie es sich unsere Kunden wünschen.

Wie hat sich Ihr Abus-Partner-Konzept in diesem Zusammenhang entwickelt?

Ulrich Kastner-Jung: Hatten wir früher in den meisten Fällen eine Eins-zu-eins-Beziehung in der Entwicklungssituation, hat die Entwicklung heute fast immer mit Multipartnermanagement zu tun. Wir organisieren, dass die Partner konzeptionell, architektonisch und in der Durchführung etwa von Code-Elementen mit unserer Entwicklungsmannschaft zusammenarbeiten. Unsere Entwicklung moderiert dabei die Prozesse. Dies alles hilft uns bei der Erschließung des digitalen Marktes. Mit dieser engen Zusammenarbeit sind wir sehr zufrieden und im kommenden Jahr werden wir hier attraktive neue Integrationslösungen präsentieren. Die Nachfrage auf dem Markt ist ungewöhnlich groß. Und wir als Abus haben den Vorteil, dass wir von der Mechanik über die Elektronik bis zur Digitalität die gesamte Klaviatur von integrierten, intelligenten Sicherheitslösungen spielen können.

Welches sind aktuell Ihre Produkt-Highlights?

Ulrich Kastner-Jung: Ein Beispiel ist unser elektronischer Zylinder, in dem Digitalität und Mechanik perfekt zusammenarbeiten, denn hier kommen Video, Zutrittskontrolle und Benutzerberechtigung zusammen; und dies alles auf einer App zusammengefasst. Unsere Partner profitieren von der Einfachheit in der Installation, Inbetriebnahme und Wartung. Ebenso überzeugt unser Produkt durch Klarheit in der Bedienung.

Ein weiteres Beispiel, wie vorhin bereits angesprochen, ist unser Secvest-Hybridmodul, mit dem wir nicht nur Funk und Draht kombinieren, sondern auch gleichzeitig wichtige Smart-Home-Szenarien geschickt steuern können. Mit dem Hybridmodul kann der Nutzer über die Secvest App z. B. Garagentore, Lichtszenarien oder Rollläden steuern.

Welche Services bieten Sie im Rahmen der Digitalstrategie Ihres Unternehmens an?

Ulrich Kastner-Jung: Bereits heute bieten wir Finanzierung- und Leasingoptionen an. Das ist ein gefragtes Thema in vielen Vertriebsgesprächen und hat eine echte Zugkraft. Wenn man von hier in die Zukunft blickt, wollen wir perspektivisch auch ein Lifecycle-Angebot umsetzen. Damit folgen wir dem Trend der Individualisierung: Möchte ein Nutzer zum aktuellen Zeitpunkt nur einen ganz bestimmten Schutz, dann werden wir diesen auch einzeln und zeitlich begrenzt zur Verfügung stellen. Hier sind viele weitere Szenarien vorstellbar, denn in der Digitalisierung haben wir es ja nicht nur mit kontinuierlichen Updates zu tun, sondern auch mit Upgrades. Somit können wir mit neuen Features, die per Software nachgeladen werden können, unsere Sicherheitslösungen immer wertvoller machen.

Meine Herren, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen.