Herr Matthé, wie ist Ihre Unit aktuell in die Siemens-Unternehmensstruktur eingebunden?

ANZEIGE

Seit 1. April sind wir neu organisiert, unter anderem in die drei Geschäfte Gas and Power, Digital Industries sowie Smart Infrastructure, in dem wir als Low Voltage Products angesiedelt sind. Smart Infrastructure bietet ein durchgängiges Portfolio an Produkten, Systemen, Lösungen und Services für eine intelligente Vernetzung von Energiesystemen, Gebäuden und Industrie.

Wesentliche Treiber unseres Geschäfts sind globale Veränderungen im Bereich der Energieerzeugung, die allgemeine Digitalisierung in der Industrie sowie die zunehmend intelligente Infrastruktur im Gebäude.

Als Low Voltage Products sind wir nach wie vor der Lieferant für Schutz- und Schalttechnik, von Mittelspannungsschaltern über große Low-Voltage-Schalter bis zum Energiemanagement, also der Messwerterfassung. Zunehmend digitalisieren wir einen Großteil unseres Portfolios, um unseren Kunden künftig noch mehr Lösungen im Bereich Energiemanagement anbieten zu können.

ANZEIGE

Was gab eigentlich den Impuls für diese neue Struktur?

Wesentliche Treiber unseres Geschäfts sind globale Veränderungen im Bereich der Energieerzeugung, die allgemeine Digitalisierung in der Industrie und damit einhergehend die Verbindung zwischen der Energieerzeugung und dem industriellen Energieverbrauch sowie die zunehmend intelligente Infrastruktur im Gebäude.

Wie hat sich Ihr Portfolio national und international in den vergangenen Jahren verändert?

Für die Energieverteilung haben wir zahlreiche Innovationen in der Schutz- und Schalttechnik auf den Markt gebracht, insbesondere die Kompaktleistungsschalter-Reihe 3VA. Im Installationsbereich haben wir unsere Fehler- und Überstromschutzgeräte um den Brandschutzschalter, kurz AFDD (Arc Fault Detection Device), ergänzt. Aktuell gehen wir mehr und mehr in Richtung Kommunikation und Messwerterfassung. Fast alle unsere Produkte sind heute mit Messfunktionen ausgerüstet, die zum Beispiel Strom, Spannung oder Oberwellen erfassen. Dabei geht es darum, die erfassten Daten in übergeordnete Systeme weiterzuleiten, also in Automatisierungssysteme in der Industrie oder Gebäudemanagementsysteme. Unsere Kunden bekommen so eine professionelle Lösung für das Energiemanagement. Ziel ist es immer, eine höhere Sicherheit, Verfügbarkeit und Energieeffizienz zu erreichen. Hier gibt es eine große Nachfrage.

Ist die Energiewende in diesem Bereich ein Treiber?

Auf der einen Seite finden wir im Bereich der Windkraft oder bei PV-Anlagen mehr Anwendungsfelder für unsere Produkte vor, gerade was die DC-Technologie bei Solaranlagen betrifft. Auf der anderen Seite haben wir es mit dem Energiemanagement zwischen Speicher, Energieverbrauch und Energieoptimierung zu tun. Ganz klar, hier ist die Energiewende ein Treiber. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir als Low Voltage Products in den Residential-Speicher-Bereich eingestiegen sind. Hier sehen wir einen starken Wachstumsmarkt. Anfang des Jahres haben wir mit der Junelight Smart Battery eine Speicherlösung auf den Markt gebracht, mit der sich bis zu 19,8 KWh an eigenerzeugtem Strom im privaten Eigenheim speichern lassen.

Das ist ein wichtiger Markt für uns. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr rund 40.000 Speicher installiert. Hier können wir mit unserem Angebot „Speicher plus Schutztechnik“ eine attraktive Lösung bieten.

Wenn wir uns die aktuelle Umsetzung solcher Techniken auf dem Markt anschauen, sind Sie zufrieden mit der Entwicklung oder gibt es nach wie vor Handlungsbedarf, wenn man beispielsweise an die Netzstabilität denkt?

Es ist bereits viel getan worden. Im Management zwischen der Erzeugung regenerativer und konventioneller Energieerzeugung und Speichertechnologien gibt es aber noch großes Potenzial. Ein gutes Management mit entsprechender Infrastruktur und Netzleitstellen zeigt auch, dass die viel diskutierten Netzprobleme in der Praxis sehr gut in den Griff zu bekommen sind.

Trotz der hohen Anteile an regenerativer Energie in Deutschland verfügen wir über eine ausgezeichnete Netzstabilität.

Wie und mit welchen Lösungen schaffen Sie die Basis für mehr Energieeffizienz?

Auf der einen Seite bieten wir im Utility-Sektor die Energiemanagementsysteme und Netzkontrollsysteme aus unserem Bereich Digital Grid. Auf der anderen Seite stellen wir für Industrie- und Gebäudeanwendungen Energiemanagementsysteme zur Verfügung, die Energiedaten erfassen, so eine hohe Transparenz schaffen und daraus Ableitungen generieren. Der Kunde kann zum Beispiel verschiedene Werke und Gebäude vergleichen, um Differenzen ausfindig zu machen und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Hier schaffen wir mit Cloudlösungen die Basis, um über größere Datenpools eine noch bessere Vergleichsanalyse zu ermöglichen. Für mehr Transparenz sorgt übrigens auch die Tatsache, dass unsere Produkte BIM-fähig und BIM-klassifiziert sind. Letztlich erfolgt die Digitalisierung in Industrie und Gebäuden heute durchgängig von der Planung bis zum laufenden Betrieb. Deshalb ist BIM als Planungstool ganz wesentlich.

Wo liegen beim Thema Energiemanagement zwischen Industrie und Gebäude die wesentlichen Unterschiede in der Anwendung?

Abgesehen von der unterschiedlichen Größenordnung ist in der Industrie ein wesentlicher Aspekt die Energieeffizienz, also Antworten auf die Fragen, wie ich meinen Energieverbrauch optimieren, Stillstandzeiten reduzieren, Kosten senken und Fehler rechtzeitig erkennen kann. Aus dem Energiemanagement heraus bekomme ich in gewisser Weise einen präventiven Blick auf meine Anlagen; so kann etwa eine Revision bei entsprechenden Daten früher vorgenommen werden.

Im Objektgebäude geht es ebenfalls um Energieeffizienz, allerdings mit einem anderen Fokus. Hier stehen die Themen Heizen, Lüften, Klima und Komfort im Mittelpunkt. Beim privaten Wohnungsbau spielt ein positiver Umweltbeitrag eine große Rolle, also wie kann die Solarenergie effizient eingesetzt werden und wie lade ich am wirtschaftlichsten mein E-Mobil?

Sehen Sie Ihren Kernmarkt vornehmlich im Industriebereich?

Nein, durchaus gemischt. Wir kommen zwar traditionell aus dem Industriebereich, sehen aber im klassischen Gebäudesektor einen hochinteressanten Markt, den wir mit Smart Infrastructure sehr stark im Blick haben. Für Gebäudekunden sind wir hier noch besser als in der Vergangenheit aufgestellt, denn wir können den Kunden das Energie- und das Gebäudemanagement aus einer Hand anbieten.

Um noch einmal auf das Speicherthema zurückzukommen, wie schaut hier die Siemens-Lösung aus?

Unsere Junelight Smart Battery ist eine reine Lösung für den privaten Wohnbau. Hier sehe ich den Benefit darin, dass Endkunden ihre Solaranlage mit dem Speicher verknüpfen können, um die tagsüber eingespeiste Energie zu bevorraten und bei Bedarf abzurufen. Ist ein E-Mobil vorhanden, kann dies damit geladen werden oder aber man nutzt das E-Mobil als zusätzlichen Speicher. Das Zusammenspiel in dieser Form macht Sinn. Auch hierfür bieten wir Wallboxen und im größeren Bereich Schnellladeeinrichtungen etc. Bei der Junelight-Lösung handelt es sich um ein modulares System, das der Elektroinstallateur implementiert.

Welche technologischen Entwicklungen erwarten Sie für die kommenden fünf oder zehn Jahre?

Obwohl man überall das Thema Digitalisierung in den Medien findet, denke ich, dass wir hier erst am Anfang stehen. Es gibt zwar schon vieles, aber die exponentielle Welle steht uns noch bevor. Digitalisierung bedeutet für uns nicht nur die Digitalisierung von Produkten, sie beginnt bereits mit dem Planungsprozess und führt über den Verkaufsprozess, digitale Plattformen, auf denen Kunden ihre Produkte aussuchen können, Planungstools, Messwerterfassung bis hin zur Bereitstellung der Daten in Cloudlösungen oder anderen Automatisierungslösungen.

Zunächst einmal gilt es, Transparenz über den Energieverbrauch herzustellen. Nur so kann ich weitere Schritte zur Energieoptimierung einleiten.

Das wird künftig einer der Innovationstreiber sein. Das Energiemanagement wird dabei eine zentrale Rolle spielen. Für mich bedeutet Energiemanagement, zunächst einmal Transparenz über den Energieverbrauch herzustellen. Nur so kann ich weitere Schritt zur Energieoptimierung einleiten. Dafür benötige ich digitale Daten.

Wenn wir die technische Infrastruktur von Gebäuden in die Zukunft projizieren, welche Techniken werden die Digtalisierung maßgeblich stützen?

Neben der Bustechnik, also zum Beispiel KNX, wird aus Kostengründen und aufgrund der zunehmenden Sensibilisierung für die CO2-Problematik das Thema Energieeffizienz prägend sein. Dies wird die Einbindung von erneuerbaren Energien, Windkraft und Speichertechnologien vorantreiben. Dieser Trend wird gleichermaßen den Gebäude- wie auch den Industriebereich prägen.

Und all diese Systeme müssen geschützt werden; darauf sind wir mit unserem Produktportfolio und in unserer Forschung und Entwicklung spezialisiert. Mit unseren Schutzkomponenten, der Speicherlösung, dem Energiemanagement, der Digitalisierung unserer Produkte und der Cloudanbindung fühlen wir uns für diese Marktentwicklungen also bestens gerüstet.

Herr Matthé, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen.