Fortschritt als Tradition

Titelstory

Es gibt nur wenige Unternehmen, die auf eine vergleichbare Erfolgsgeschichte zurückblicken können. Hohe Innovationskraft und nachhaltige Unternehmensstrategien prägen den Werdegang von Jung. Darüber sprach g+h in Schalksmühle mit einem der drei Geschäftsführer, Martin Herms und Jens Stoll, Leiter Produktmanagement. Und selbstverständlich haben wir im unmittelbaren Vorfeld der Eltefa auch nachgefragt, welche Innovationen das Unternehmen in Stuttgart zeigen wird.

07. März 2017
Bildquelle: g+h
Bild 1: Fortschritt als Tradition (Bildquelle: g+h)

Herr Herms, würden Sie uns kurz die wesentlichen Zäsuren der letzten Jahre hinsichtlich der unternehmerischen Strategien und der Produktentwicklungen skizzieren?

In beiden Bereichen hat sich bei Jung in den vergangenen Jahren sehr viel getan. So haben wir hier am Standort Schalksmühle während des laufenden Betriebs unsere Produktionsgebäude neu gebaut und mit modernster Fertigungstechnik ausgestattet. Diesen Schritt versteht Jung als klares Bekenntnis zum Standort und zur Region. Damit einher ging eine Neustrukturierung in Richtung klar definierter Innovations- und Entwicklungsprozesse. Durch die Stärkung des Produktmanagements haben wir gerade in den letzen Jahren eine ausgewogene Bandbreite an Innovationen präsentiert. Vor drei Jahren haben wir unsere neue Steckdose mit vielfältigen innovativen Lösungen für das Handwerk und den Anwender vorgestellt. Aber auch im Design und in der Gebäudesystemtechnik sind uns kreative Neuheiten gelungen. In unserer Strategiearbeit geht es darum, wie wir diesen Erfolg auch in Zukunft sicherstellen können. Wir werden unsere internationale Ausrichtung und die Marke Jung weiter stärken und bauen auf den Kundennutzen durch die vielen Möglichkeiten der Digitalisierung. All dies sind wesentliche Zäsuren in der Geschichte des Unternehmens, die unsere Innovationskultur nachhaltig prägen sollen.

Wie verläuft die Produktentwicklung bei Jung im Detail?

Am Anfang steht die Frage, welches Problem des Kunden löst unser Produkt. Wir nutzen dabei die Prinzipien aus dem sogenannten Lean Development und versuchen die wesentlichen Fragestellungen im Entwicklungsprozess und die Kundenanforderungen in einer sehr frühen Phase zu beschreiben. Dies erreichen wir durch interdisziplinäre Teams und natürlich durch konsequente Marktnähe.

Dabei steuert das Produktmanagement die Phase von der Idee bis zu den klar beschriebenen Anforderungen, parallel wird die Realisierung geplant und die Projektleiter der Entwicklung setzen die Projekte um. In dem Zusammenhang haben wir das Produktmanagement erheblich ausgebaut, um diese Schnittstelle zwischen Vertrieb und Entwicklung auch bezüglich der internationalen Anforderungen zu stärken.

Inwieweit haben sich die von Ihnen skizzierten strategischen Neuausrichtungen bemerkbar gemacht?

Unsere Innovationskultur hat sich sehr positiv auf unser Geschäft ausgewirkt; dies spüren wir nicht nur durch eine Steigerung beim Umsatz und den Marktanteilen, sondern auch im persönlichen Gespräch mit unseren Kunden auf Messen und vor Ort. Das Unternehmen entwickelt sich weiterhin sehr positiv und erzielt mittlerweile einen Jahresumsatz von über 200 Millionen Euro mit mehr als 1000 Mitarbeitern.

Der Kernmarkt ist nach wie vor Deutschland?

Wir haben unseren Ursprung und Schwerpunkt in Deutschland. Dies spiegeln auch unsere beiden Standorte Schalksmühle und Lünen wider. Lünen, wo auch die zentrale Logistik angesiedelt ist, muss ebenso wie Schalksmühle keinen Vergleich mit anderen Hightech-Unternehmen scheuen. Darüber hinaus arbeiten wir eng mit unserem Elektronikunternehmen „Insta“ zusammen. Die Wertschöpfung wird also auch in Zukunft überwiegend in Deutschland erfolgen, aber das Marktwachstum liegt ganz eindeutig in den internationalen Märkten.

Sie kooperieren aber noch mit weiteren Unternehmen?

Das ist richtig, wir haben eine sehr erfolgreiche Kooperation mit der Firma Siedle unter dem Stichwort „Neue Synergie“. Aus der Kooperation zweier erfolgreicher Familienunternehmen ist mittlerweile das breiteste Systemportfolio in der Türkommunikation entstanden, das die Branche kennt. Darüber hinaus hat sich Jung an einem Kunststoffbetrieb beteiligt, um die für das Unternehmen so wichtige Kompetenz im Bereich Kunststofftechnik zu stärken.

In welchen Märkten ist Jung international aktiv und welche sind für das Unternehmen die bedeutendsten Exportmärkte?

Unser Exportanteil liegt mittlerweile bei rund 35 Prozent - mitsteigender Tendenz. Unterstützt wird dies auch durch die Gründung neuer Tochtergesellschaften. Aktuell entwickeln sich Spanien, China und Middle East sehr gut für uns. Verschiedene Faktoren, wie die Gründung der KNX-Landesgesellschaft USA und die Kooperation mit Siedle haben dazu geführt, dass wir jetzt auch mit einem Partner im Laufe dieses Jahres in den Vereinigten Staaten aktiv werden. Das ist für uns ein ausgesprochen spannender Markt und eine große Herausforderung.

Jung ist ein traditionsreiches Familienunternehmen und investiert teilweise überproportional in Entwicklung und Produktion. Vor dem Hintergrund der Konkurrenz durch internationale Konzerne muss das Unternehmen großes Vertrauen in seine Zukunft haben. Woraus speist sich dieser Optimismus?

Wir dürfen uns auf den Erfolgen der Vergangenheit in der Tat nicht ausruhen. Dazu ist in unserem Markenkern „Fortschritt als Tradition“ fast schon alles gesagt. Wir verfügen über die hohe Stabilität und Verlässlichkeit eines Familienunternehmens - mit einer klaren Orientierung in Richtung Zukunft. Dabei forcieren wir einerseits den technischen Fortschritt unserer Produkte und unserer Innovationskultur und pflegen gleichzeitig die traditionell exzellenten Verbindungen zu unseren Kunden; dies alles bei hoher Qualifikation unserer Mitarbeiter. Dabei geht es darum zu zeigen, was uns als Marke einzigartig und unverwechselbar macht. Unsere Kunden sollen von unseren Produkten einen klaren Vorteil haben, sie sollen sie gern installieren und natürlich am Ende auch mit Begeisterung nutzen. Wir haben eine gute Basis um die Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Welche Kriterien machen die Marke Jung aus Ihrer Sicht so einzigartig?

Qualität, Design, Langlebigkeit und eine handwerksgerechte Montage sind entscheidende Kriterien.

Wenn man die Öffentlichkeitsarbeit von Jung rückblickend betrachtet, dann schwingt dort immer etwas Understatement mit, obwohl es ja Gründe genug gibt, die eigene Leistungsfähigkeit deutlich herauszustellen. Soll dies so bleiben?

Sie haben Recht, und das soll auch so bleiben. Eine gewisse Zurückhaltung entspricht unserem Markenkern. Wir investieren lieber langfristig in Produkte als kurzfristig in Events.

Dennoch setzten wir als Premium-Marke auf die Sichtbarkeit der Qualität und unserer Innovationen. Dies bedeutet jedoch nicht jedem Trend hinterherzulaufen, sondern Neues zu präsentieren. Die bevorstehende Eltefa bietet uns dafür eine hervorragende Plattform.

Wie beurteilen Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage für die Branche und für Jung?

Die Branche bewegt sich in einem konjunkturell sehr freundlichen Umfeld. Jung wird das vergangene Jahr recht erfolgreich abschließen. Und auch für das laufende Jahr sind wir sehr zuversichtlich, zumal wir für unser Unternehmen von der Eltefa weitere positive Impulse erwarten.

Der Markt, auf dem Sie sich bewegen, wird ja zunehmend auch von großen Internetkonzernen ins Auge gefasst. Beeinflusst dies Ihre Strategien?

Natürlich reagieren wir auf diese Entwicklungen, sehen aber einen potenziellen Einstieg von Internetkonzernen in unseren Markt eher gelassen. Mit KNX oder E-Net können wir gemeinsam mit dem Handwerk unseren Kunden eine professionelle Lösung im Bereich Smart-Home bieten, die sich qualitativ und auch vom Service her gravierend von den zahlreich angebotenen Insellösungen unterscheidet. Hier sind wir bestens aufgestellt.

Jens Stoll: Die digitalen Trends sind nicht aufzuhalten. Im Gebäude und darüber hinaus wird alles digital werden, was digital umsetzbar und sinnvoll ist. Die Digitalisierung wird die Welt verändern. Und Jung wird sich diesen Trends nicht entgegenstellen, sondern sie aktiv mitgestalten. Fortschritt als Tradition bedeutet aber auch, dass wir unser Kernsortiment kontinuierlich verbessern und weiterentwickeln. Nicht zuletzt deshalb haben wir vor drei Jahren unsere neue Steckdose vorgestellt und parallel dazu die Produktion auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Auf unseren hochmodernen Schalt- und Steckgeräten basiert der Erfolg unseres Unternehmens. Sie ergänzen wir beispielsweise um hochwertigste Design-Linien.

Wie beim LS 990 Programm?

Exakt, dieses Programm ist mit bald 50 Jahren unser Klassiker schlechthin, quasi ein Archetyp des Flächenschalters. Mir ist kein einziges Schalterprogramm bekannt, welches eine so lange Lebensdauer hat und durch die permanente Weiterentwicklung bis heute in der Architektur State of the Art ist. Dieses Schalterprogramm steht exemplarisch für unsere Leitlinie „Fortschritt als Tradition“. LS 990 spiegelt auch die Innovationskraft des Unternehmens am besten wider, denn das Programm bietet bis zum KNX alles, was moderne Gebäudetechnik prägt und dies in einer atemberaubend schönen Design-Vielfalt, die jedem Architektur-anspruch gerecht wird.

Letztlich sind es auch die Anforderungen der Kunden, die uns während der einzelnen Entwicklungsstufen begleitet, motiviert und oft auch nachhaltig herausgefordert haben.

Welche Kriterien stehen bei der Produktentwicklung im Fokus?

Im Vordergrund stehen die Ansprüche und Wünsche unserer Kunden. Dabei geht es neben Designaspekten vor allem um sichere Produkte, die sich leicht installieren und bedienen lassen. Und selbstverständlich müssen sie für den Anwender einen möglichst hohen Nutzen bieten.

Um die Installation noch einfacher zu gestalten, setzen wir verstärkt auf Videos, in denen der Installateur Schritt für Schritt durch die einzelnen Installationsabschnitte geführt wird. Wenn Sie etwa an die Einbausituation bei unserem neuen Programm LS Zero denken, werden sie rasch feststellen, dass es sich hier um keine Routinetätigkeit handelt. Die Installation in fünf Seiten Prosa darzulegen, würde einfach wenig Nutzen bringen. In einem Video dargestellt, erkennen die Installateure sofort wie es geht.

Wo liegen die Besonderheiten der neuen Steckdosen?

Sie liegen in einer einfacheren Montage und vielen anderen Details, wie dem geerdeten Tragring. Eine weitere Innovation aus unserem Haus auf der Eltefa wird die LED Beleuchtung der Steckdose über ein Baukastenmodul sein, welches wir schon den „Spannungsgeberrucksack“ nennen.

Beleuchtete Steckdosen gab es bereits vorher, aber mit Einzug der LED-Technik erhöht sich die Lebensdauer signifikant und der Stromverbrauch ist minimal.

Hinzu kommt, dass die LED-beleuchtete Steckdose ein sehr ästhetisches Designelement im Gebäude ist. Wenn Sie dann noch berücksichtigen, dass es sich bei dieser Steckdose um ein modulares System handelt, bei dem verschiedenste Abdeckungen möglich sind, erkennen Sie sofort den hohen Nutzen.

Welche Entwicklung versprechen Sie sich von LS Zero?

Unsere Erwartungen sind groß, denn ein flächenbündiges Programm in dieser Form gab es bisher noch nicht. Während der Entwicklung haben wir Mitarbeiter in Feldtests einbezogen, Architekten, Elektroinstallateure, Stuckateure und Verputzer involviert, um am Ende ein optimales Ergebnis zu erzielen. Nur ein schickes Design genügt definitiv nicht, letztlich muss ein Produkt möglichst problemlos zu verarbeiten sein. Deshalb wurde von uns eigens für dieses Programm ein Einputzadapter entwickelt, der die Installation so einfach wie möglich macht.

Unter welchem Motto werden Sie auf der Eltefa im März in Stuttgart ausstellen und welche Neuheiten wird es geben?

Wir möchten mit unseren Produkten und Lösungen dem Installateur und dem Anwender die Arbeit und das Leben so angenehm wie möglich gestalten. Unter anderem werden wir in Stuttgart den ersten Universaldreh-Dimmer vorstellen; vom Gerät her wenig spektakulär, von der Technik sehr wohl, denn er kann jetzt auch von einer Nebenstelle her gedimmt werden. Ich kann sowohl am Gerät als auch an der Nebenstelle das Licht regeln und dies für alle gängigigen Leuchtmittel, auch für Retrofit LED. Damit komplettieren wir die Produktfamilie vom Tast- über den Einbau- bis zum Drehdimmer.

Dann werden wir natürlich noch einmal LS Zero fokussieren, das wir bisher noch nicht auf der Eltefa gezeigt haben. Außerdem wird E-Net 2.0, also „Smart Home aus Meisterhand“, eine große Rolle spielen. Das System ist jetzt umfassend für das Smart Home gerüstet. Einfache Inbetriebnahme, Sicherheit, Komfort und Energieeffizienz sind seine Charakteristika. Dem Thema Sicherheit haben wir angesichts der zahlreichen Diskussionen über Datensicherheit in den Medien große Aufmerksamkeit geschenkt. Mit E-Net 2.0 bieten wir das erste vollverschlüsselte Smart-Home-System an.

Dies ist ein Riesenschritt in Richtung mehr Sicherheit. Optimiert wurde außerdem das Fernwirken. Sie können aus der Ferne so problemlos schalten und steuern wie vor Ort. Und auch dem Elektroinstallateur haben wir die Arbeit erheblich erleichtert. Der Installateur, der es sich zutraut mit einem PC zu programmieren, kann mit E-Net 2.0 innerhalb kürzester Zeit arbeiten. Hierzu werden wir Tutorials ins Netz stellen, die den Wissenstransfer bei wenig Zeitaufwand gewährleisten. Auf der Eltefa werden wir solche Tutorials den Messestandbesuchern live präsentieren. Ich möchte nicht vergessen zu erwähnen, dass E-Net sich zu einer Allianz verschiedener Firmen entwickelt.

Welche Unternehmen stehen hinter dieser Allianz?

Neben Gira und Jung sind es Steinel Professionel, Bachmann, Brumberg und Tado.

Meine Herren, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen.

Erschienen in Ausgabe: 02/2017