24. JANUAR 2019

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Zentral ist das Know-how


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Exor - Es braucht nichts geringeres als einen großen Wurf, um die Energiewende zu schaffen und zugleich deren Kosten nicht ausufern zu lassen. Der Energieverbrauch in vielen Gebäuden könnte um 30 Prozent reduziert werden, wenn man die Haustechnik intelligent automatisiert, so Geschäftsführer Christoph Müller im g+h-Talk.
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Herr Müller, Exor hat auf der Light + Building den ersten Entwurf einer kompakten Hausautomatisierung vorgestellt, die alle Gewerke in sich vereinigt; die Lösung ist KNX-fähig, unterstützt Funkmodule mit Bluetooth-Standard und erlaubt per Schnittstelle die Einbindung der Heizungsanlage. Sieht so Ihrer Ansicht nach in zehn, fünfzehn Jahren das Arbeitsfeld des Elektroinstallateurs aus?
Es geht doch heute schon immer mehr in diese Richtung; es ist doch so: Funksteckdosen und Ähnliches können Endkunden heute bei Amazon kaufen. Dieses Geschäft haben Elektriker schon längst verloren.

Es gibt Raumsensoren für Temperatur oder Luftfeuchte, die über externe Plug-and-play-Module angesteuert werden können und via App mit I-Phone oder I-Pad kommunizieren. Dafür braucht man heute keinen Handwerker mehr. Der wird dann gebraucht, wenn Endkunden mehr machen wollen und mittels Gebäudeautomatisierung Energie sparen wollen. Dieses Tätigkeitsfeld wird es auch in zehn oder zwanzig Jahren noch geben.

Wie müsste so ein Gebäudeautomatisierungs-System aufgebaut sein? Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Einer unserer Mitarbeiter hat in München den Karlsplatz, im Volksmund Stachus genannt, automatisiert. Elektro-, Kälte- und HLK-Systeme funktionieren gewerkeübergreifend. Zum Beispiel wird dort des Nachts Eis für den nächsten Tag produziert, damit die Last beziehungsweise die Kosten im Klima-Bereich tagsüber nicht zu hoch sind.

Das geschieht in Abhängigkeit vom aktuellen Strompreis; je nachdem, wie der Preis steht, kann man dann entscheiden, in welchem Bereich es sich lohnt, eventuell mehr als nötig zu produzieren. Entscheidend ist das Know-how aus solchen Großobjekten; da sehen wir das größte Potenzial für mehr Energieeffizienz. Denn wenn die Gewerke miteinander vernetzt werden, ist es absolut realistisch, 30 Prozent Energiekosten zu sparen. In solchen Objekten wie am Stachus kommt dadurch direkt eine Riesensumme zustande.

Gilt dieses mögliche Einsparpotenzial auch übertragen auf andere Objekte?
Ja. Die Crux ist, jemanden zu finden, der in der Lage ist, diese ganzen Gewerke zusammenzubringen. Da fehlt ein komplettes Berufsbild: Systemintegrator im Bereich Haus- und Gebäudetechnik. Ich hatte den Fall, als wir in unser neues Haus einzogen. Wir wohnen in einem Niedrigenergiehaus mit zwangsgeführter Lüftung. Als mir der Monteur die Anlage erklärte, hieß es: ‚Ja, Herr Müller, wenn sie ins Bad kommen, müssen sie vor dem Duschen die Anlage von Stufe eins auf drei umstellen. Ähnlich ist es, wenn ihre Frau in der Küche kocht; dann muss sie die Anlage auch entsprechend umstellen.‘

Es ist doch völlig unrealistisch, dass wir beide jedesmal vor dem Duschen oder Kochen daran denken, in den Technikraum im Keller zu gehen, um die Anlage wie empfohlen umzustellen beziehungsweise später wieder die in die ursprüngliche Schalterstellung zurückzudrehen. Stattdessen hätte man einfach in den Räumen zwei Sensoren für Wärme und Feuchtigkeit einbauen müssen, die dann die Anlage entsprechend hoch- oder runterfahren. Das ist in der heutigen Zeit ein Materialaufwand von etwa 50 Euro.

Wie könnten solche Fälle in Zukunft besser gelöst werden?
Die werkseitigen Standardeinstellungen müssten im Einzelfall immer an die Gegebenheiten vor Ort bestmöglich angepasst werden. Die Hauseigentümer oder Bewohner haben in der Regel gar keinen Zugang zu den Schnittstellen, die man für eine optimale Anpassung der Anlage nutzen könnte.

Die Anlagen könnten weitaus effektiver laufen als bislang, wenn man das technisch mögliche umsetzen würde. Dazu braucht es Informationen, wie das Haus oder Gebäude tatsächlich genutzt wird. Es bedarf eines Profils, was gerade vor Ort geschieht beziehungsweise passiert. Selbst für mich ist es jedes Mal eine Herausforderung, unsere Heizungs- und Lüftungsanlage zuhause jedes Mal ein bisschen anders einzustellen.

...mit anderen Worten: Das ist aus Ihrer Sicht alles viel zu kompliziert.
Genau. Zudem gibt es nicht genug Fachleute, die sich mit diesen Dingen auskennen. Selbst wenn mein Installateur die Heizung gut einstellen kann, dann bedeutet das nicht automatisch, dass er diese Kenntnisse auch für die Lüftungsanlage nutzen kann. Technisch gesehen ist das möglich.

Bislang haben alle Hersteller ihr eigenes, proprietäres System mit entsprechenden Treibern. Wie wollen Sie dieses Problem angehen?
Lösen lässt sich dieses Dilemma dadurch, dass immer mehr Hersteller Apps für ihre Systeme anbieten. Das heißt, es gibt einen identischen Kommunikationsstandard für die Daten, auf die es ankommt. Jetzt ist es unsere Aufgabe, eine Basiseinheit zu schaffen, die diese Apps allesamt integriert und in der Lage ist, die Daten zu filtern um zu wissen, wo und wie können die programmierten Zeiten für Betrieb oder Nachtabsenkung der Heizung verändert werden.

Wo und wie können eventuell Kennlinien aufgenommen werden, wo und wie besteht die Möglichkeit, abhängig von der Wettervorhersage Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Wettersensoren haben den Nachteil, dass sie erst reagieren, wenn die Wetteränderung bereits eingetreten ist. Wichtig ist aber, dass bereits beim Herannahmen einer Kaltfront die Heizung peu à peu hochgefahren und an die künftigen Außentemperaturen angepasst wird. Der Temperaturunterschied zwischen gestern und heute ist beachtlich.

Das war gestern abend schon abzusehen. Der Temperaturfühler hier am Haus reagiert aber erst jetzt auf die Veränderung und regelt die Klimaanlage entsprechend herunter; das ist im Prinzip viel zu träge und hätte schon über Nacht passieren können. Gerade bei Wärmepumpen würde sich das Prinzip anbieten. Über Nacht könnte der Wasserspeicher vorgeheizt werden.

Wie weit ist Entwicklung der erwähnten Basiseinheit fortgeschritten?
Wir sind noch ganz am Anfang. Das Messemodell ist ein Proof of Concept. Im Prinzip muss da noch viel mehr rein. Wir können bis dato in Codesys die gewerketypischen Anlagen verbinden. Exor könnte auf diesem Weg etwa zehn Projekte im Jahr machen. Jährlich entstehen aber weit, weit mehr Neubauten in Deutschland, wo im Prinzip so ein System installiert werden könnte.

Das heißt, es braucht eine Konfigurationsoberfläche, die jeder Elektriker bedienen kann, auch wenn er nicht ETS-Fachmann ist. Er muss in der Lage sein, sich die verschiedenen Anlagen auf diese Oberfläche holen und verbinden zu können und mit einem Profil zu verknüpfen, das den Erfordernissen vor Ort entspricht. Vermutlich muss dieses Profil dann nach drei, sechs oder zwölf Monaten nochmal kontrolliert und gegebenenfalls angepasst werden.

Sie plädieren also für eine herstellerübergreifende Plattform, die die unterschiedlichen Informationen im Haus zusammenfasst und eine Konfigurationsebene, die nicht mehr im herkömmlichen Sinne programmiert werden muss?
Korrekt. Alle Beteiligten tun sich hier schwer. Eine Anweisungsliste kann man heute keinem mehr zumuten. Experten lösen das Problem bislang immer mit Einzellösungen. Im einfachsten Fall wird eine Easy-Steuerung installiert und darüber alle Anlagen miteinander verbunden.

Wird das nicht alles viel zu viel für eine Person: Sie müsste theoretisches und praktisches Wissen in drei Gewerken besitzen: Elektro, Kälte sowie Heizungs- und Lüftungstechnik?
Zentral ist, dass ein Systemintegrator die Zusammenhänge kennt. Jedes Detail muss er nicht wissen. Und er muss sich mit Automatisierungstechnik auskennen. Um zu wissen, wo sich technisch eingreifen lässt, um bestimmte Energiepotenzial zu verschieben.


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g+h 06/2012
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