Selbstgemachte Rote Grütze mit Vanillesauce

Feature: Von rational über persönlich bis emotional - das g+h-Kurzporträt nach Stichworten und Fragen.

g+h. Elmo Schwandke ist seit 20 Jahren Chefredakteur des Magazins und gleichzeitig Mitbegründer der Zeitschrift. Im Gespräch mit g+h-Redakteurin Sabine Langer reflektiert er zwei Jahrzehnte Magazingeschichte, die von Höhen und Tiefen geprägt sind.

05. Dezember 2018
© ELMOS Photo-Design
Bild 1: Selbstgemachte Rote Grütze mit Vanillesauce (© ELMOS Photo-Design)

Journalismus

Hat akuten Fachkräftemangel.

Europa

Wird in dieser Struktur nicht überleben.

Euro

Für einen alten Euro wird es 50 Cent geben.

Politik

Braucht Politiker.

Angela Merkel

Völlig unbedeutend.

Welche Person aus der Geschichte beeindruckt Sie am meisten?

Mein Vater.

Was schätzen Sie an anderen Menschen?

Aufrichtigkeit, Mut und Opferbereitschaft.

Sie dürfen auf Zeitreise gehen. Welche Epoche würden Sie wählen?

Rom zur Zeit von Kaiser Augustus.

Ihr Lieblingsfilm

Rosamunde Pilcher und Katie Fforde.

Ihr Lieblingsmaler? 

William Turner.

Ihr Lieblingsmusiker? 

Mozart.

Ihr Lieblingsschriftsteller? 

Goethe, Dickens, Joyce, Jünger.

Ihr letztes Buch? 

Il Piacere von Gabriele D´Annunzio.

Hobbys 

Lesen und Reisen

Was bedeutet für Sie Glück im Leben?

Gesundheit sowie geistige und materielle Unabhängigkeit.

Ihre Stärken

Geduld

Ihre Schwächen

Meine Stärken

Sinn des Lebens

Irrsinn

Tod

Wenn ich sterbe, geht die Welt unter.

Sie haben drei Wünsche frei...

Eine Flasche edlen Primitivo di Manduria, gefüllte Rinderloulade mit zartem Rosenkohl und selbstgemachte rote Grütze mit Vanillesauce.

Herr Schwandke, was bedeuten eigentlich 20 Jahre g+h für Sie ganz persönlich?

Ich könnte Ihnen jetzt als Antwort einen mehrtägigen Vortrag halten und meine dies nicht einmal ironisch. 20 Jahre g+h spiegeln mehr als die Hälfte meines Berufslebens wider. Als ich vor 22 Jahren mit einigen Kollegen im Vogel Verlag in Würzburg das Magazin entwickelte, hätte ich mir nicht vorstellen können, zwei Jahrzehnte später immer noch sein Chefredakteur zu sein. Obwohl ich im Leben Kontinuität schätze, war meine berufliche Zukunft zu diesem Zeitpunkt noch offen. Um Ihre Frage zu beantworten, 20 Jahre g+h bedeuten für mich zahllose interessante Begegnungen mit Menschen aus der Elektrobranche und darüber hinaus, lange und intensive Gespräche, die manchmal bis zum Morgengrauen andauerten, eine faszinierende Entwicklung der Technik, das Kommen und Gehen von Unternehmen, viele spannende Projekte mit dem g+h-Team, mehrere Hundert Interviews und Reportagen sowie rund eine Million Kilometer auf der Autobahn.

Auch wenn Sie sich zu Beginn nicht vorstellen konnten, zwanzig Jahre später immer noch an Bord zu sein, haben Sie damals geglaubt, dass g+h 20 Jahre später noch auf dem Markt sein würde?

Ich war sogar davon fest überzeugt. Als wir das g+h-Konzept gemeinsam mit Elektrohandwerkern entwickelten und schließlich 1998 mit Ausgabe 1 auf dem Markt erschienen, war das durchaus eine kleine Revolution im Bereich der Elektrofachtitel. Wenn Sie sich unsere erste Ausgabe anschauen und mit den damals auf dem Markt etablierten Titeln vergleichen, werden sie rasch feststellen, dass wir mit neuen Formaten eine völlig andere Art der Kommunikation eröffneten und uns immer an den Bedürfnissen des Elektrohandwerkers orientierten.

Welche waren das konkret?

Die technischen Entwicklungen wiesen 1998 bereits in Richtung Gebäudedigitalisierung, auch wenn wir vom Smart Home noch weit entfernt waren. Aber immerhin gab es den Europäischen Installations Bus (EIB) bereits seit fast einem Jahrzehnt. Das Produktportfolio der Elektroindustrie bot aber nicht nur hier dem Handwerk neue Marktchancen. Die Sat- und Kommunikationstechnik, Designerprogramme bei Schaltern, Sicherheitstechnik und vieles mehr entwickelten sich rasant. Das Elektrohandwerk war auf diesen Innovationsschub zwar handwerklich sehr gut vorbereitet, im Marketing steckte es aber noch in den Kinderschuhen. Mit unserem Meisterwissen, das wir gemeinsam mit dem Bundestechnologiezentrum Oldenburg aufbereiteten, setzten wir auf Wissenstransfer in den neuen Techniken. Im Bereich Marketing schufen wir neue journalistische Formate und etablierten erstmals ein herstellerneutrales Kundenmagazin für das Elektrohandwerk. Mit „Ihr Handwerker“, so der Titel, bekamen unsere Leser ein Marketinginstrument in die Hand, das es so bislang noch nicht gegeben hatte. Mit einer Gesamtauflage von 750.000 Exemplaren – und dies viermal im Jahr – versetzten wir diejenigen, die es von uns bezogen, in die Lage, erstmals kostengünstig ein breites Publikum von Endkunden anzusprechen und für das Leistungsangebot des Elektrohandwerks zu begeistern. Später sollte dieses Konzept viele Nachahmer – auch in der Industrie – finden. Übrigens maße ich mir an, hier einer der Pioniere gewesen zu sein. Dabei bin ich vor allem dem leider verstorbenen Arthur Schmitt dankbar, der mich in den 90er-Jahren für die Redaktion des Siemens-Kundenmagazins „E-Kontakt“ engagierte, das er gemeinsam mit einer Heilbronner Agentur entwickelt hatte. „E-Kontakt“ dürfte die Mutter aller professionellen Kundenmagazine im Elektrohandwerk gewesen sein. Unser Kundenmagazin war aber nur ein Baustein unseres Marketingangebots für das Elektrohandwerk.

Und welche Bausteine gab es noch?

Es würde den Rahmen sprengen, hier alle Marketinginstrumente aufzuzählen, die wir dem Elektrohandwerk angeboten haben. Ein Meilenstein war zweifellos der „g+h Elektrofachbetrieb“. Gemeinsam mit Horst Schönfelder, Elektromeister und Inhaber der Ziemer Elektrotechnik und Softwareentwicklung, entwarf ich ein Unternehmens-Konzept für das Elektrohandwerk, einschließlich ISO-Zertifizierung. Unter der Dachmarke des g+h-Elektrofachbetriebs agierten ein Jahr lang bundesweit 10 Pilotbetriebe, die wir auch durch die Dekra zertifizieren ließen. Diese Betriebe nutzten unser Logo auf Geschäftspapieren, Fahrzeugen usw., wurden von uns in Kooperation mit Mewa mit einer eigens für sie entworfenen Bekleidungslinie ausgestattet, bekamen eine vollständige Softwareausstattung und wurden permanent von unserer dafür geschaffenen Organistion betreut. Dabei ging es um die Optimierung der Kernprozesse im Handwerksbetrieb, die Optimierung der Software, Aufbau eines CI/-CD- und Marketingkonzeptes, Schulung in Marketing und Vertrieb und das flächendeckende Marketing in Publikumstiteln für die Dachmarke des g+h-Elektrofachbetriebs. Wir haben damals elektrotechnische Fachthemen konsequent in Publikumstiteln platziert, um Bauherrn für moderne Elektroinstallationstechnik zu sensibilisieren. Unser Ziel war es, innerhalb von 10 Jahren rund 2000 Betriebe zu g+h-Elektrofachbetrieben umzurüsten.

Was ist aus dem Projekt geworden?

Nachdem wir erfolgreich die Pilotphase mit unseren 10 Partnerbetrieben durchgeführt hatten, präsentierten wir dieses Konzept erstmals auf der Efa in Leipzig und dann auf der Light + Building in Frankfurt. Die Resonanz war überwältigend und wir hatten bereits 158 Voranmeldungen. Doch dann wurde unser Magazin aufgrund strategischer Entscheidungen verkauft und der neue Verlag wollte dieses Konzept nicht fortführen. Das war für alle Beteiligten ein schwerer Schlag und aus heutiger Sicht eine der größten verpassten Chancen in der Geschichte unseres Fachmagazins. Vor 20 Jahren waren unsere Konzepte bereits weit in die Zukunft gedacht. Vieles, was wir damals angestoßen haben, wurde von Marketingabteilungen aus der Elektroindustrie später umgesetzt. Als Chefredakteur haben Sie aber keinen Einfluss auf unternehmerische Entscheidungen und müssen sie letztlich akzeptieren. So haben wir uns dann wieder unserer Kernkompetenz zugewandt, dem Fachjournalismus.

Haben Sie auch hier wiederum neue Wege beschritten?

Ja, das haben wir. 2006 erfolgte der größte Relaunch in unserer Magazingeschichte, wir gingen ins Überformat, schufen eine eigene Bildredaktion und personifizierten unsere journalistischen Formate. Bis heute ist die Titelseite das Erfolgsmodell unseres Fachmagazins. Mit unserem Top-Interview und exklusiven Fotos möchten wir uns deutlich abheben. An solche Formate in dieser Form hat sich bislang kein Wettbewerber herangewagt. Und unser jüngster Relaunch soll diesen Vorsprung noch einmal weiter ausbauen, denn auch hier haben wir mit dem g+h-Feature ein Format etabliert, das es in dieser Form nur bei uns gibt – ebenso wie unseren exklusiven Lesertest. Für uns ist es wichtig, immer einen Schritt voraus in Richtung Zukunft zu gehen. Dies werden wir übrigens nach unserem erfolgreichen Relaunch der Printausgabe im nächsten Jahr auch im Digitalbereich tun. Print wird für das Elektrohandwerk noch lange Priorität haben, mit dem Generationenwechsel werden wir aber auch im Handwerk mit einem deutlichen Wandel der Informationsbeschaffung konfrontiert werden. Dafür möchten wir bestens gerüstet sein.

Welches waren für Sie in den letzten 20 Jahren die besonderen Momente?

Davon gibt es eine ganze Reihe. Zu den schönsten Momenten zählte immer wieder das Erscheinen der ersten Ausgabe nach einer längeren Planungsphase für einen Relaunch, unabhängig davon, dass ich mich auch nach zwanzig Jahren immer noch auf das Erscheinen des neuesten Hefts freue. Unvergesslich sind die Festveranstaltungen anlässlich der Verleihung des g+h-Innovationspreises geblieben – im Hotel Kaiserworth im Herzen der Altstadt Goslars vor der Kulisse des Weihnachtsmarktes. Und natürlich auch der g+h-Innovationspreis selbst.

Im Zuge des Marketings für diesen außergewöhnlichen Preis habe ich damals zusammen mit meinem Sohn Tristan ein Fotoshooting in New York durchgeführt. Er hat dabei g+h vor einem Hollywood-Set stehend in der Hand, sitzt auf einer Bank vor der Kulisse der Brooklyn Bridge oder steht an einem Polizeiwagen der New York City Police. Hauptpreis war damals eine Reise nach New York.

Nicht vermissen möchte ich auch jene Großveranstaltung in Würzburg, die wir gemeinsam mit einem Industriepartner durchführten. 500 Gäste und 80 Ritter aus „Dorf an der Düssel“ waren zu Ritterspielen vor der historischen Kulisse der Festung Marienberg angereist. Wir haben uns damals vom bayerischen Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in einem aufwendigen Verfahren die Genehmigung für diese exklusive Veranstaltung einholen müssen. Es gäbe noch viele weitere Veranstaltungen, Ereignisse und Projekte, die es zu erwähnen wert wären.

Obwohl Sie so vom g+h-Innovationspreis schwärmen, gibt es ihn nicht mehr. Warum?

Diese Frage wurde mir häufig gestellt und deshalb freut es mich, sie an dieser Stelle einmal erschöpfend beantworten zu dürfen. Der g+h-Innovationspreis war von seiner gesamten Konzeption her einzigartig. Selbst die Trophäen waren Unikate und das Ergebnis eines Designwettbewerbs, den wir an der Meisterschule der Steinmetze in München ausgeschrieben hatten. Die Qualität der Bewerber und die Teilnehmerzahl waren beeindruckend, obwohl jeder Elektrounternehmer sich einem aufwendigen Bewertungsverfahren unterziehen musste – bis hin zum persönlichen Audit. Die meisten Teilnehmer gingen am Ende leer aus – und beteiligten sich beim nächsten Mal wieder, weil sie sich verbessert hatten.

Nachdem wir den Preis über einen Zeitraum von acht Jahren verliehen hatten, mussten wir feststellen, dass das Potenzial innovativer Elektrofachbetriebe zwar immer noch vorhanden war, sich aber irgendwann erschöpfen würde. So lange wollte ich nicht warten – man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Und in der Tat war die letzte Preisverleihung in jeder Beziehung die reizvollste Veranstaltung. Um ihre Attraktivität noch einmal zu steigern, hatten wir sogar ein Fotomodell aus dem Elektrohandwerk gesucht, das die Preise dann übergeben hat. Dabei hatten wir mehrere professionelle Shootings in München veranstaltet. Einige Leser werden sich sicherlich noch erinnern. Im Boxsport würde man sagen, dass wir als ungeschlagene Weltmeister das Ende unserer Innovationspreiskarriere bekannt gegeben haben. Von Anfang an war es interessant für mich zu beobachten – es gibt ja mittlerweile eine ganze Reihe von Preisen –, dass man viele Formate, die unseren Innovationspreis charakterisierten, zum Teil 1:1 kopiert hat, das mehrstufige Bewertungsverfahren, die Klassifizierung der Teilnehmer nach Betriebsgrößen und vieles andere mehr. Für mich gilt die Regel, dass die Kopie immer schlechter als das Original ist. Ich selbst wäre mit meiner Leistung unzufrieden, wenn sie auf den Ideen anderer basierte und ich keinerlei Kreativität eingebracht hätte. Wir werden ja bis heute in vielen Bereichen nachgeahmt oder kopiert; dass ist auch gut so, denn es zeigt, dass wir nach wie vor unserem „alten“ Claim „Innovation jetzt!“ treu geblieben sind. Premium war und ist unser Anspruch und diesem müssen wir selbstverständlich immer wieder gerecht werden. Einer meiner Professoren sagte mir einmal, es reicht nicht gut zu sein, Sie müssen besser sein – immer. Daran orientiere ich mich bis heute – im Beruf und im Leben. Silbermedaillengewinner sind Verlierer.

Welche Perspektiven sehen Sie angesichts des raschen Wandels in der Medienwelt für das Fachmagazin in den kommenden zehn Jahren?

Ich bin der Überzeugung, dass der Titel für die Zukunft bestens aufgestellt ist, entsprechende Rahmenbedingungen vorausgesetzt. Er gehört ja im Grunde zu den ältesten Elektrofachzeitschriften, die es überhaupt gibt. Letztlich ist er aus dem Elektromarkt entstanden, den wir 1998 verkauft haben und den ich fast zehn Jahre als Chefredakteur betreute. Der Titel feierte dieses Jahr seinen 100. Geburtstag und deckte vor der Gründung unseres Fachmagazins die Bereiche Braune und Weiße Ware sowie Elektroinstallation ab. Den Elektroinstallationsbereich haben wir damals herausgenommen und in g+h integriert – eine erfolgreich Entscheidung, die bis heute nachhaltig in die Zukunft wirkt.

Herr Schwandke, ich bedanke mich für das Gespräch mit Ihnen.

 

Erschienen in Ausgabe: 08/2018