Smart, klimaneutral und auf jede Dimension skalierbar

ABB/BUSCH-JAEGER. Effizienz, Klimaschutz und smarte, innovative Systeme stehen für die Unternehmen der ABB-Gruppe im Fokus. Im Gespräch mit g + h erläutern Uwe Laudenklos, Vorsitzender der Geschäftsführung der ABB Stotz-Kontakt GmbH, und Adalbert Neumann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Busch-Jaeger Elektro GmbH, welche integrativen Lösungen von privaten Smart Homes bis hin zu großen Industriestandorten möglich sind.

10. Oktober 2019
Smart,  klimaneutral  und auf jede  Dimension  skalierbar
( © g+h)

Der Klimaschutz ist ein bestimmendes Thema unserer Zeit. ABB hat sich unter dem Titel „Mission to Zero“ dazu bekannt, schädliche Emissionen aus fossilen Energieträgern auf null zu reduzieren. Was ist der Hintergrund dieser Mission?

Uwe Laudenklos: ABB will zu einer lebenswerten Welt beitragen. Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen gehört unverzichtbar dazu. Wir wollen unserer ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden und die Zukunft der nächsten Generation sichern. Kunden sollen mit unserem umfassenden Portfolio Möglichkeiten an die Hand bekommen, aktiv zum Klimaschutz beizutragen. Und: Investitionen in Klimaschutz rechnen sich und machen unabhängig.

Adalbert Neumann: Das ist der Hintergrund, der unser Handeln als Unternehmen bestimmt. Und unser Projekt in Lüdenscheid ist ein konkretes Beispiel, ein Meilenstein innerhalb der „Mission to Zero“. Es zeigt, dass es mit innovativen Lösungen von ABB und Busch-Jaeger heute schon möglich ist, eine nahezu CO2-neutrale Produktion zu realisieren. Entstanden ist eine Industrieanlage, in der alle Komponenten und Bereiche intelligent miteinander vernetzt sind: Von der 7.300 Quadratmeter großen, über den Parkplätzen installierten Photovoltaikanlage über das Energiemanagement-System Optimax aus der ABB Ability Energy Management Suite (EMS) bis hin zum Hochleistungsbatteriespeicher BESS. Für eine zusätzliche Verbesserung der Energiebilanz sorgen Ladestationen von ABB, an denen Mitarbeiter und Besucher ihre Elektrofahrzeuge kostenfrei aufladen können. Intelligente Schaltanlagen für die Energieverteilung runden die Gesamtlösung ab.

Das Projekt in Lüdenscheid wurde jüngst mit dem Deutschen Solarpreis ausgezeichnet. Was macht es auszeichnungswürdig?

Adalbert Neumann: Sicherlich nicht zuletzt die Konsequenz, mit der das ambitionierte Projekt innerhalb von nur zwei Jahren geplant und umgesetzt wurde. Allein die Größenordnung und die Leistungsfähigkeit der Photovoltaikanlage sind schon beeindruckend: Sie wird pro Jahr ungefähr 1.100 MWh an klimaneutralem Sonnenstrom liefern – das entspricht dem Jahresbedarf von 340 Privathaushalten.

Die offene API-Plattform ermöglicht es, Anwendungen und Lösungen von Drittanbietern problemlos in unsere Gebäudesteuerungen zu integrieren.

Wie stehen die Mitarbeiter zu Ihren Klimaschutzaktivitäten in Lüdenscheid?

Adalbert Neumann: Die Mitarbeiter sind begeistert. Sie sind stolz auf das, was an ihrem Standort geschaffen wurde. Ihre Fabrik war mehrere Wochen lang in den Medien – Printmedien, Hörfunk und TV haben ausgiebig berichtet und auch in den Sozialen Medien war „Mission to Zero“ ein Riesenthema. In diesem Jahr feiern wir als Busch-Jaeger auch 140jähriges Bestehen. Innovation hat uns stets durch diese Zeit getragen und mit diesem Projekt fühlen Mitarbeiter und Kunden, dass das weiterhin in unserer DNA verankert ist.

Wie sind die externen Reaktionen auf ihr Projekt der CO2-neutralen Produktion?

Uwe Laudenklos: Ich kann dem Team in Lüdenscheid nur gratulieren. Die Strahlkraft des Projekts ist – international wie regional, extern wie intern – extrem hoch. Ich werde ständig darauf angesprochen. Dass wir Nico Rosberg als Botschafter des Projekts und der „Mission to Zero“ gewinnen konnten, bringt weiteren Schub und passt natürlich zum Engagement unseres Unternehmens als Titelsponsor der ABB FIA Formel E.

Adalbert Neumann: Industriekunden mit Standorten vergleichbarer Größe interessieren sich natürlich für das Projekt. Aber es haben sich auch sehr viele Politiker gemeldet, die unser Projekt kennenlernen möchten. Nicht nur lokale Politprominenz, sondern auch Landes- und Bundespolitiker. Und das Medieninteresse ist nach wie vor sehr rege. Ein Highlight war am 14. Juli der Besuch einer Besuchergruppe aus dem US-Bundesstaat Minnesota inklusive des dortigen Wirtschaftsministers.

Inwiefern ist das Beispiel auch eine Blaupause für kleinere und mittlere Industriebetriebe?

Uwe Laudenklos: Das Beispiel ist die Blaupause schlechthin. Die Lösung ist smart, klimaneutral und lässt sich auf nahezu alle Anwendungsfälle skalieren. Das Projekt ist ein Musterbeispiel dafür, wie wir als ABB die Herausforderungen des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen, des effizienten Energiemanagements für Erzeugung und Verbrauch, der Integration von Gebäudeautomation und der intelligenten Mobilität in einer immer mehr datengetriebenen Umgebung angehen und bewältigen. Wir genießen seit weit über 100 Jahren Glaubwürdigkeit für unsere Lösungskompetenz. Es gibt in dem Feld viele hervorragende Anbieter von Teilaspekten, aber ABB zeichnet sich zusätzlich durch den integrativen Ansatz aus.

Diese Expertise zeigt sich in Projekten wie dem komplexen Energiemanagement des Standorts Lüdenscheid von ABB Busch-Jaeger und in gleicher Weise an der neuen Montagelinie von ABB Stotz-Kontakt in Heidelberg – mit der wir hochautomatisiert, global vernetzt, sehr flexibel und äußerst wirtschaftlich im Zeitalter von Industrie 4.0 produzieren.

Wie unterscheiden sich eigentlich die Anforderungen und Lösungen bei privaten Smart Homes von denen der Industrie?

Adalbert Neumann: Beim Thema Smart Home geht es um individuelle Bedürfnisse und Wünsche in Sachen Komfort, Sicherheit und Energieeffizienz. ABB und Busch-Jaeger sind in allen drei relevanten Segmenten mit unterschiedlichen Lösungen für die Haus- und Gebäudeautomation außerordentlich breit aufgestellt. Dabei reicht die Palette von unserer überaus erfolgreichen Haussteuerung Busch-free@home bis hin zu KNX-basierten Produkten wie zum Beispiel Busch-Control-Touch KNX.

Installateure und Planer spielen eine wesentliche Rolle, sie sind entscheidende Mittler und natürliche Partner von ABB. Die Kompetenzen des Handwerks erweitern sich immer mehr.

Die neue offene API-Plattform von Busch-Jaeger, die wir jüngst auf der IFA vorgestellt haben, ermöglicht es, eine Vielzahl von Anwendungen und Lösungen von Drittanbietern in unsere smarten Haus- und Gebäudesteuerungen zu integrieren. Deshalb sind wir in der Lage, unseren Kunden im Elektrohandwerk maßgeschneiderte Lösungen für alle Bereiche und alle Anforderungen anzubieten.

Welche Rolle spielt die Elektromobilität und wie lässt sie sich mit Smart Homes verknüpfen?

Adalbert Neumann: Das Thema Elektromobilität wird weiter schnell an Bedeutung gewinnen. Unser Paradebeispiel für die intelligente Nutzung sieht so aus: Der selbst erzeugte Solarstrom aus der Photovoltaikanlage wird genutzt, um das Gebäude je nach individuellem Bedarf zu versorgen. Überschüsse werden im hauseigenen Batteriespeicher gepuffert. Je nach Bedarf steht diese Energie – etwa in den Nachtstunden – zur Verfügung, um die Batterien des Elektroautos zu füllen.

Welche Herausforderungen stellen sich bei industriellen Lösungen, also in etwas größerer Dimension?

Uwe Laudenklos: Industrielle Anforderungen zeichnen sich durch Komplexität und Größe aus; das betrifft Planung, Installation und Service; es fließen höhere Ströme, mehr und heterogene Teilnehmer machen die Vernetzung komplexer, die Datenmengen sind höher, allgemein sind die Anforderungen an den Betrieb und damit an das Engineering sehr hoch. In Lüdenscheid lösen wir das mit dem skalierbaren und inzwischen weltweit praxiserprobten Energiemanagementsystem Optimax aus der Lösungsbibliothek der ABB Ability EMS. Diese sehr anpassungsfähige Lösung für smarte Gebäude und Industrieanlagen ermöglicht standort- und größenunabhängig die Implementierung von nachhaltigeren Abläufen. Optimax bietet zum Beispiel Transparenz in Sachen Energieverbrauch, erlaubt die Echtzeitüberwachung und Optimierung der Energienutzung sowie die Einbindung dezentraler Erzeugungsanlagen, flexibler Verbraucher und Speichersysteme.

Schaffen smarte Gebäude allein bereits eine Smart City?

Uwe Laudenklos: Wichtig ist, dass wir die immer stärkere Konvergenz berücksichtigen; immer mehr Teilaspekte müssen integriert werden - Gebäude, Mobilität, Datenmanagement, Konnektivität, Software-Interaktion und das kommende 5G-Netz. Zudem müssen wir auch den Bestand im Auge haben und Immobilien so ertüchtigen, dass das Angebot den Wünschen und dem Verhalten der Nutzer entspricht. Stichworte sind beispielsweise Mobilität, Co-Working, Sicherheit, höhere Besiedlungsdichte im Zuge der Urbanisierung und der immer stärker datengetriebene Alltag – mit Fragen wie „Wo hängt der nächste Defibrillator?“ oder „Wo finde ich das nächste Fahrzeug aus einem Car-Sharing-Pool?“

„Mission to Zero“ zeigt, dass es mit innovativen Lösungen von ABB und Busch-Jaeger heute schon möglich ist, eine nahezu CO2-neutrale Produktion zu realisieren.

Adalbert Neumann: Es gibt zahlreiche unterschiedliche Konzepte von der smarten City. Natürlich spielen in diesen Szenarien die Gebäude – sowohl gewerbliche als auch private – eine wichtige Rolle. Richtig smart wird eine City aber erst dann, wenn es gelingt, auch das Thema Verkehr in den Griff zu bekommen. Die Aufmerksamkeit auf das Thema E-Mobility hat inzwischen dafür gesorgt, dass sich immer mehr Planer und Ingenieure Gedanken über neue bedarfsgerechte Verkehrskonzepte machen.

Wie können Installateure und Planer die neue Welt der Energie zu ihren Kunden bringen?

Uwe Laudenklos: Installateure und Planer spielen eine wesentliche Rolle, sie sind entscheidende Mittler und natürliche Partner von ABB. In der Rolle des Systemintegrators erweitern sich die Kompetenzen des Handwerks immer mehr. ABB unterstützt mit Tools für das Engineering, zugleich stehen wir aber auch mit unserer Anwendungs- und Lösungserfahrung zur Verfügung, um bei der Planung persönlich zu unterstützen.

Adalbert Neumann: Die Vorteile eines smarten Gebäudes – mehr Energieeffizienz, mehr Komfort und mehr Sicherheit – sind nach wie vor die wesentlichen Argumente für die Kommunikation mit dem Endkunden. ABB und Busch-Jaeger engagieren sich bereits seit vielen Jahren auf allen wichtigen Ebenen, um das Elektrohandwerk und natürlich auch Planer und Architekten mit guten Argumenten für das Kundengespräch auszustatten. Dazu gehören Kundenveranstaltungen, Messeengagements und natürlich der kontinuierliche Austausch auf der Ebene der Verbände und Institutionen. Abgerundet wird dieses Spektrum durch eine zielgruppenfokussierte Kommunikation in allen relevanten Medienbereichen von Print bis Online und Social Media.

Welche Hilfen geben Sie Handwerkern und Planern?

Uwe Laudenklos: Wir sind immer auf Augenhöhe und immer im Gespräch, das ist sehr wichtig. Wir bieten elektrotechnische Planungsunterstützung in allen Dimensionen und sind beispielsweise auch Kooperationspartner für den Konfigurator Elbridge, einem Standard zur Anbindung von Großhandelsshops an die Produktkonfiguratoren der Industrie.

Wir sind immer auf Augenhöhe und immer im Gespräch, das ist sehr wichtig. Wir bieten elektrotechnische Planungsunterstützung in allen Dimensionen.

Adalbert Neumann: Auf der IFA in Berlin haben wir als erstes Unternehmen der Elektrobranche einen Smarter-Home-Konfigurator vorgestellt, ein intuitiv bedienbares Online-Tool, das eine individuelle Detailplanung der Elektroinstallation für das eigene Zuhause gemeinsam mit dem Elektroinstallateur oder auch zunächst in Eigenregie ermöglicht. Der selbsterklärende Konfigurator führt Schritt für Schritt durch die verschiedenen Planungsstufen. Am Ende erscheint eine komplette Stückliste mit allen Systemkomponenten und den entsprechenden Bruttolistenpreisen. So kann der Bauherr seine Busch-free@home-Anlage schon in der Planungsphase an das gewünschte Komfortniveau und das zur Verfügung stehende Budget anpassen.

Mit welchen spannenden Aspekten der Gebäudetechnik werden wir es in den kommenden 20 Jahren zu tun bekommen?

Adalbert Neumann: Die Zukunft ist digital! Schon jetzt gibt es faszinierende Visionen von der smarten City, von smarten Gebäuden und smarten Lösungen für die Arbeitswelt und für unsere Freizeitgestaltung. Wir sind schon längst unterwegs in Richtung dieser Zukunft. Und das Tempo wird sicherlich noch zunehmen.

Uwe Laudenklos: Selbstlernende und adaptive Systeme, die Künstliche Intelligenz nutzen, werden sich stärker ausbreiten. Die Systeme werden aus Betriebsdaten Schlüsse ziehen und weitgehend autark arbeiten, beispielsweise einen Energiespeicher zum richtigen, effizientesten Zeitpunkt auf ein erforderliches Ladeniveau bringen. Mancher dieser Gedanken ist vielleicht noch Zukunftsmusik, aber unsere neuesten Lösungen und Produkte können Handwerk und Planer bald wieder konkret erleben – und zwar auf der Light + Building im März 2020 in Frankfurt.

Erschienen in Ausgabe: 05/2019
Seite: 12 bis 17