Und jetzt wird wieder auf den Rasen gespuckt

Glosse

Wir steigern das Bruttoinlandsprodukt. In leichter Abwandlung fasse ich hier einmal die Ereignisse des ablaufenden Jahres zusammen. Alles überragend war natürlich die Fußballweltmeisterschaft, die im Endspiel gegen die Gauchos für die deutsche Nationalelf einen der größten Triumphe der jüngsten Vergangenheit darstellte.

27. November 2014

Was ist uns von der WM in Erinnerung geblieben? Nun, selbstverständlich die Bissigkeit des Fußballers Suarez, der sich in der Schulter eines italienischen Nationalspielers mit seinen Zähnen verhakte. Letztlich ließ er seine Beute aber wieder los, obgleich die Schulter auf dem Speiseteller ja von vielen als Delikatesse angesehen wird.

Weniger appetitlich, dafür aber alle Nationen einend, ist der grandiose Speichelfluss, über den die Kicker rund um den Globus verfügen müssen. Es vergeht kaum ein Moment, in dem nicht irgendein Spieler auf das teure Grün rotzt. Permanentes Spucken scheint im Fußball elementar zu sein, und vermutlich ist es auch genetisch bedingt, denn in Urzeiten des Fußballspiels, als man noch keinen Hybridrasen kannte, legte jeder Verein großen Wert auf eine geschlossene Grünfläche. Dies gelang jedoch nur wenigen, weil sich schon wenige Wochen nach Saisonauftakt überall braune Flecken zeigten. Ich mutmaße, dass die meisten Spieler dies auf eine zu geringe Bewässerung zurückführten und damals gezielt auf die offensichtlichen Lücken im grünen Rasenteppich spuckten. Jetzt könnte man meinen, dass dies im Zeitalter des Kunstrasens nicht mehr nötig sei. Weit gefehlt! Denn wer genau hinschaut, sieht, dass die Spieler bei vollem Körpereinsatz auf ihren Knien über den Rasen rutschen können, ohne eine Schürfwunde davon zu tragen. Jetzt wissen wir noch aus der Schule, dass Speichel ein universell einsetzbares Gleitmittel ist. Deshalb rotzt vom Nachwuchsstar aus der A-Jugend bis zum Nationalspieler jeder, was die Kehle freigibt. Ja selbst die Trainer und Betreuer lassen ihren Körperflüssigkeiten am Spielfeldrand freien Lauf. Übrigens ist man deshalb auch vom Leder- auf den Kunststoffball umgestiegen; die Lederbälle, die ja chronisch über den Rasen rollen, lösen sich aufgrund der exorbitant hohen Speichelmenge nämlich sehr rasch auf Fachleute sagen: „Sie werden verdaut.“ Weitaus unappetitlicher ist übrigens noch der kleine Finger, der die eine Nasenhälfte luftdicht abschließt Sie wissen schon ...

Neben diesen schlüpfrigen Erscheinungen gab es im laufenden Jahr noch eine weitere. Unsere debilen Po-litiker haben endgültig die Euro-Schulden zum kollektiven Minus erklärt und gesenkt. Die Neuberechnung des Bruttoinlandsproduktes schließt jetzt, wie in allen Bananenrepubliken üblich, auch alle offiziösen Gewerbe mit ein. Vom Drogen- über den Waffen- bis zum Frauenhandel werden jetzt alle aus diesen dubiosen Geschäften generierten Umsätze auf das Bruttoinlandsprodukt aufgeschlagen. Puffgänger, Waffenschieber und Drogenbarone müssen sich also künftig nicht mehr verstecken, sie stehen gleichwertig neben Ärzten, Flugkapitänen und Pastoren – und unsere Po-litiker irgendwo dazwischen.

Erschienen in Ausgabe: 08/2014