Uptodate und ganz vorn

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g+h. - Die Geschichte des Handwerksunternehmens von Hans-Gerhard Neyenhuys verlief nicht immer so, wie er es sich gewünscht hatte; eine Bank stufte ihn als „nicht innovativ“ ein. Trotzdem wurde sein Betrieb Hauptgewinner des g+h Innovationspreises 2012.

30. September 2013

Herr Neyenhuys, wann wurde Ihr Unternehmen gegründet, und wie hat es sich entwickelt?

Mein Vater hat 1958 die Firma gegründet. Damals zog er noch mit der Handkarre über das Land, um Aufträge abzuwickeln. Von Anfang an hatte er neben der Elektroinstallation auch die Kompetenz in der Klempnerei. Zu jener Zeit verteilten quasi die Verbände die einzelnen Stützpunkte der Handwerksunternehmen, auch um sicherzustellen, dass jede Ortschaft mit der entsprechenden Dienstleistung versorgt war. Mein Vater sollte sich damals zunächst in einem Nachbarort von Geldern selbstständig machen; wollte dies jedoch nicht, weil es dort bereits einen Betrieb gab. Kontinuierlich hat er dann in der Folgezeit das Unternehmen in Geldern aufgebaut. Im Rahmen der Unternehmensentwicklung kam auch ein Ladengeschäft dazu, und die ersten Auszubildenden wurden angestellt.

Welches waren weitere bedeutende Entwicklungsschritte?

Der nächste größere Schritt erfolgte Anfang der Siebzigerjahre, denn zu diesem Zeitpunkt wurde auch das Personal weiter aufgestockt. In den Achtzigerjahren sollte in Walbeck ein Gewerbegebiet entstehen, das auch von den Handwerkern maßgeblich gefordert wurde. Dies lehnte jedoch die Stadt Geldern ab.

Mit welcher Argumentation wurde der Standort abgelehnt?

Nun, Walbeck galt als die Perle der Stadt, und dort wollte man ganz einfach kein Gewerbegebiet entstehen lassen. Und so verlief die damalige Gemeinschaftsinitiative im Sande und jeder ging wieder seinen eigenen Geschäften nach. In den Achtzigerjahren blickte man im Gegensatz zu heute auf Zeiträume von 10, 15 oder 20 Jahren, die die Unternehmensentwicklung betrafen.

Das war auch für uns so, 1984 übernahmen wir deshalb einen alten Bauernhof aus der Familie und richteten dort unseren Betrieb ein. Ein Jahr später begann ich mit der Ausbildung zum Elektroinstallateur im elterlichen Betrieb.

Warum gingen Sie damals nicht in einen fremden Betrieb, um Erfahrungen zu sammeln und neue Perspektiven zu bekommen?

Das war zu jener Zeit noch nicht so ohne Weiteres möglich, denn viele Handwerksmeister hatten die Befürchtung, dass ein Auszubildender aus einem anderen Handwerksbetrieb ihre Arbeitsweisen abschauen und später kopieren könne. So frei wie der Ausbildungsmarkt heute ist, war er zu diesem Zeitpunkt eben nicht. Deshalb wurde ich im elterlichen Betrieb ausgebildet und erlebte auch während dieser Zeit, wie dort der Sanitärbereich weiter ausgebaut wurde.

Und Sie haben sich dann später zum Elektromeister ausbilden lassen?

Ja, 1990 habe ich meine Ausbildung auf der Meisterschule in Oldenburg begonnen. Und als ich danach in unseren Betrieb zurückkehrte, nahm mich mein Vater sofort gleichberechtigt in die Führung des Unternehmens auf. Fortan entschieden wir alles gemeinsam. Für dieses Vertrauen bin ich ihm bis heute dankbar, auch dafür, dass er Fehler zugelassen hat. Aus gesundheitlichen Gründen musste er sich leider schon bald aus dem Unternehmen zurückziehen.

Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt weiter auf Expansionskurs, sodass 1995 ein Sanitär- und Heizungsmeister eingestellt wurde, um auch dieses Gewerk professionell abdecken zu können; mittlerweile war der Betrieb auf zehn Mitarbeiter angewachsen und wir konnten nun die komplette Haustechnik anbieten. Um unabhängiger zu sein, erwarb ich die Qualifikation im Sanitär- und Heizungsbereich, sodass ich selbst alle Gewerke in vollem Umfang abdecken kann.

Von diesem Zeitpunkt an wuchs der Mitarbeiterstab stetig an, und wir versuchten uns kontinuierlich mit den in immer kürzeren Abständen vorgestellten technischen Innovationen zu beschäftigen und sie auch am Markt zu etablieren.

So hatten wir gerade in den Neunzigerjahren etwa die Gewächshausautomatisierung in unserem Leistungsportfolio damals war das ein sehr starker Markt. Heute beschäftigen wir in unserem Team zwei Projekttechniker, die sich auf KNX-Lösungen spezialisiert haben. In diesem Bereich engagieren wir uns sehr stark, auch wenn dies aufgrund der in unserer Region vorhandenen Struktur, nicht immer ganz leicht ist.

Sie haben sich aber nicht nur auf der technischen Seite an aktuellen Markttrends orientiert, sondern Ihr Unternehmen auch intern auf neue Beine gestellt. Wie verlief dieser Prozess?

2006 haben wir mit der Uptodate-Offensive, also dem „Profi im Handwerk“ der Gebrüder Steffen, begonnen und die zur Zertifizierung erforderlichen Prozesse in einem Zeitraum von rund drei Jahren durchlaufen.

Welche Prozesse beinhaltet diese Zertifizierung?

Es geht um die gesamte Betriebsorganisation, die Arbeitsabläufe, Checklisten und vieles andere mehr. Das war auch die Initialzündung für unseren Umzug an den heutigen Unternehmensstandort hier am Rande von Geldern. Nach umfassenden Neu- und Umbauarbeiten sind wir seit 2007 hier mit unserem Unternehmen positioniert und konnten in diesen Räumen bereits ein Jahr später unser 50-jähriges Jubiläum unter dem Motto „Menschen, Technik, Installationen“ feiern. Daraus ist übrigens auch unser Logo, das Sie auf dem Firmengebäude sehen, also die beiden Artisten, entstanden. Während der Umzugsphase begannen wir zusammen mit einer Werbeagentur, uns im Bereich Marketing professionell aufzustellen.

Nadja Neyenhuys: Der Erfolg des angesprochenen Artisten-Logos war für uns überraschend und erfreulich zugleich. Viele unserer neuen und alten Kunden, das hören wir immer wieder aus ihrem Munde, erkennen uns daran wieder. Das Logo finden sie nicht nur auf unserem Firmengelände, sondern auch auf den vierzehn Fahrzeugen unseres Fuhrparks. Das ist natürlich eine sehr effiziente Form der Werbung für uns.

Hatten Sie Artisten auch schon einmal zu Werbezwecken engagiert, etwa bei der Firmenveranstaltung?

Ja, während unseres Betriebsjubiläums hatten wir einen Puppenspieler-Zirkus zu Gast. Die Künstler führten den Gästen spekta-kuläre Artistik in Form eines Puppenspiels vor, das nicht nur die Kinder, sondern auch alle Erwachsenen begeisterte.

Das Logo hatten Sie aber bereits vorher genutzt?

Unser Firmenlogo hatten wir bereits im Vorfeld des Jubiläums. Es wurde von einer Werbeagentur entworfen. Anfangs waren wir recht skeptisch, ob es überhaupt zu uns passen würde, haben uns dann aber letztlich doch dafür entschieden. Rückblickend ist es neben der Wahl des Standorts ein Glücksgriff gewesen. Insbesondere der Standort außerhalb der Stadt hat für uns den Vorteil, dass wir von der Logistik her viel flexibler und schneller geworden sind. Von hier aus ist man in kürzester Zeit auf der Autobahn.

Hans-Gerhard Neyenhuys: Der Umzug auf das neue Gelände ist ja auch im Rahmen unserer Uptodate-Offensive erfolgt, und ich bin mehr als froh, dass wir diese Prozesse durchlaufen haben. Heute habe ich eine klare Trennung von Privatwohnung und Unternehmen und schaffe es, bei weniger Zeitaufwand mehr Aufgaben zu erledigen als früher. Ich bin in der Lage, abzuschalten und mit der Familie in den Urlaub zu fahren; das war nicht immer der Fall. Insofern ist die professionelle Betriebsorganisation nicht nur ein Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg, sondern sie schafft auch die nötigen Freiräume, um wieder Kraft für den Arbeitsalltag tanken zu können.

Durch eine Optimierung der Prozesse und Arbeitszeiten ist das Unternehmen erfolgreicher als je zuvor. Unser Standort hat nachhaltig dazu beigetragen, eine höhere Akzeptanz beim Kunden zu finden. Außerdem erleichtert das moderne Firmengebäude die Mitarbeiterrekrutierung.

Ganz entscheidend für unseren Erfolg ist auch, dass wir einen Rund-um-die-Uhr-Service für unsere Kunden bereithalten, lediglich in der Mittagspause von 12:00 Uhr bis 13:00 Uhr wird man auf den Anrufbeantworter umgeleitet.

Wer oder welches Ereignis hat überhaupt den Impuls gegeben, dass Sie die Uptodate-Offensive nutzen?

Ich hatte eine Kundenveranstaltung für die Uptodate-Offensive besucht, die mich sofort überzeugte. Geschäftlich und privat war es eine Bereicherung, und im Zuge der Offensive haben wir sehr viele kompetente und sympathische Kollegen kennengelernt, mit denen wir bis heute Erfahrungen austauschen. Außerdem haben wir ein sehr effizientes Controlling eingerichtet. Ein Unternehmensberater begleitet dabei den Weg unseres Unternehmens.

Wir wissen immer, wo das Unternehmen steht und können auf der Basis von Daten und Fakten sehr viel einfacher strategische Entscheidungen fällen. Über einen Zeitraum von drei Jahren solche Prozesse zu durchlaufen, ist etwas völlig anderes, als an einem zwei- oder dreitägigen Seminar teilzunehmen. Kurze Schulungen in diesem Bereich verpuffen nach wenigen Tagen. Im Augenblick sind wir in der Re-Zertifizierung, und sie zwingt uns dazu, das Qualitätsniveau im Unternehmen auf einem hohen Level zu halten.

Wie entwickelt sich Ihr Unternehmen aktuell?

Ausgesprochen positiv, sodass wir, um langfristig qualifizierte Mitarbeiter generieren zu können, in diesem Jahr vier Auszubildende haben.

Wir möchten unseren Nachwuchs selbst fördern. Das hat sich in der Region mittlerweile auch herumgesprochen, und wir genießen einen guten Ruf, wenn es um das Thema Nachwuchsförderung und Ausbildung geht.

Werden die Azubis von Ihnen übernommen?

Nadja Neyenhuys: In diesem Jahr haben wir zwei Azubis übernommen und im nächsten Jahr schließen zwei ihre Ausbildung ab; einer geht in seinen elterlichen Betrieb, den zweiten übernehmen wir. Wer sich bei uns bewährt und in unser Team passt, wird auch von uns weiter gefördert.

Wie viele Mitarbeiter hatten Sie, als Sie mit der Uptodate-Offensive starteten?

Wir hatten damals 10 Mitarbeiter und beschäftigen aktuell 29.

Hans-Gerhard Neyenhuys: Mein Ziel ist es, die Azubis so voranzubringen, dass sie bereits im dritten Lehrjahr komplett selbstständig arbeiten können.

Wie groß ist Ihr Einzugsgebiet?

Nadja Neyenhuys: Bis zu 70 Prozent sind wir im Umkreis von etwa 10 km beschäftigt, im zweiten Bereich von etwa 20 km kommen weitere 10 Prozent hinzu und darüber hinaus gibt es natürlich noch Baustellen, die weiter entfernt liegen. Es kann durchaus vorkommen, dass wir bis zu 100 km fahren, um etwa einzelne Arbeiten in Dortmund oder Düsseldorf durchzuführen. Die weiteren Entfernungen bilden aber eher die Ausnahme.

Wie schaut die Wettbewerbssituation vor Ort aus?

Wir sind ca. zwölf Unternehmen allein in Geldern und dies bei einer Einwohnerzahl inklusive der Nachbarortschaften von rund 28.000.

Eine bessere Versorgung als auf dem Arztsektor. In welchen Bereichen laufen die Geschäfte zurzeit am besten?

Hans-Gerhard Neyenhuys: Sie laufen in beiden Geschäftsfeldern sehr gut. Ich möchte jedoch nicht verhehlen, dass das Geldverdienen im Bereich Sanitär und Heizung mehr Spaß macht. Nichtsdestotrotz wachsen die Gewerke in der Gebäudetechnik enger zusammen und insofern war es eine gute Entscheidung, in zwei Kernmärkten quasi die gesamte Haustechnik abdecken zu können. Man bewegt sich in der Kundenberatung auf einem ganz anderen Niveau, weil der Blick immer auf das Gesamtkonzept gerichtet ist und der Auftraggeber alles aus einer Hand bekommen kann.

Während unseres Audits im Rahmen des g+h Innovationspreises sagten Sie, dass Ihr Unternehmen in einem Rating als „nicht innovativ“ bezeichnet worden sei. Wer äußerte dies?

Diese Äußerung tätigte im Rahmen eines internen Ratings einmal ein Bankmitarbeiter, der allerdings zu seiner Ehrenrettung erst vor kurzer Zeit alles revidierte. Im Kern war er der Überzeugung, dass in unserem Unternehmen keinerlei Innovation erkennbar ist. Um dies zu revidieren, bin ich damals bis zum Vorstand vorgedrungen, ohne auf positive Resonanz zu stoßen. Offensichtlich mangelte es den Verantwortlichen am Verständnis, welche Innovationskriterien für einen Handwerksbetrieb im Gegensatz zu einem Industriebetrieb relevant sind.

Natürlich entwickeln Handwerksbetriebe in aller Regel keine eigenständigen innovativen Produkte, das Wesen von Innovation im Handwerk spiegelt sich aber in einer professionellen Betriebsorganisation, im Marketing und in der Vermarktung neuer Techniken und Produkte wider.

Außerdem zählen natürlich dazu auch die Kundenberatung und eine professionelle Planung, die am Ende dem Auftraggeber ein Ergebnis liefert, das für ihn leistungsstark, sicher, effizient und für die Zukunft bestens gerüstet ist. Genau dieser Aufgabe haben wir uns mit unserem Unternehmen verschrieben.

Inzwischen haben sich die Wogen aber geglättet – oder?

Ja, ganz sicher. Die Bank hat die Fehleinschätzung mittlerweile eingesehen, und ich muss dazu sagen, dass ich inzwischen von keiner Bank mehr abhängig bin und mit den Verantwortlichen auf Augenhöhe verhandeln kann.

Frau Neyenhuys, Herr Neyenhuys, wir bedanken uns für das Gespräch mit Ihnen.

Hintergrund

Positive Erfahrungen mit dem g+h Innovationspreis

Natürlich wollte die g+h-Redaktion bei ihrem Besuch in Geldern auch wissen, wie es den Hauptpreisträgern nach ihrem Gewinn erging. Die Antwort erfreut uns. „Zunächst einmal sind einige Berichte in den Medien über uns als Hauptpreisträger erschienen, unter anderem in der örtlichen Rheinischen Post.

Diese medienwirksame Präsentation hat uns viel Zuspruch aus der Öffentlichkeit und von unseren Kunden gebracht und beflügelt natürlich auch das gesamte Team in unserem Hause, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzuverfolgen. Außerdem haben wir den Preis in Form von Eigenanzeigen in verschiedenen Medien publik gemacht. Die Außenwirkung besteht vor allem darin, als ein anderes, eben innovatives Unternehmen wahrgenommen zu werden. Und dies ist uns sehr wichtig.

Erschienen in Ausgabe: 06/2013